Städtisches Dasein und bürgerliche Gesellschaft. 229
wurde, deren oberes Stockwerk um einige Fuß über den Laden
hervorsprang und zum Kontor oder zur Familienwohnung diente.
Oft war der Vorbau des oberen Stockwerks durch Säulen ge⸗
stützt, dann entstanden vor einer Reihe von Gademen regensichere
Hallengänge, jene Lauben, die in späterer Zeit eingewölbt und
in Spitzbogen geschlossen wurden und noch jetzt einen eigenartigen
Schmuck vieler süddeutschen und einiger norddeutschen Städte
(z. B. Münsters i. W.) bilden. Weit primitiver waren die
Buden angelegt: schuppenartige Räume, die schon vorhandenen
Bauten angeklebt wurden, wo nur immer sich Gelegenheit zu
regerem Verkehr ergab. An Brückenplätzen, auf dem Markt,
an Kirchen mit hervorragenden Reliquien, die zu zahlreichen
Wallfahrten veranlaßten, schossen sie rasch aus der Erde, zwischen
den vorgestreckten Strebepfeilern des Langschiffes und des Chors
der Kathedralen nisteten sie sich ein, sie umgaben das Rathaus
in festgeschlossenem Ring, ja sie bildeten inmitten breiter Straßen,
wie auf der Maximilianstraße in Augsburg, mit der Rückseite
aneinandergelehnt, eine neue Reihe jener kleinen Ansiedelungen,
die meist erst die neuere Zeit wieder entfernt hat. Und dem
Kleinhändler, der den Mietzins einer Bude nicht aufbringen
konnte, blieb immer noch die Möglichkeit, für die Hauptmarkt⸗
zeiten gegen mäßige Marktabgabe ein Zelt oder eine Hütte
aufzuschlagen neben den feststehenden Fleischschrannen und
Schüttbänken, den Fischtischen und Brotschragen der Zünfte.
Das lebhafte Bild kaufmännischen Straßenverkehrs, das
sich aus dieser Abstufung der Verkaufslokale ergiebt, erfährt noch
wesentlich grellere Färbung, bedenkt man die Sitte des Mittel⸗
alters, alle Waren zum Verkaufe auszurufen. Zwar verboten
einzelne Zunfte ihren Mitgliedern, durch allzuhäufiges Rufen
mit weniger stimmkräftigen Genossen in übermächtigen Wett—
bewerb zu treten, wie sie auch das Auslegen im Schaufenster oder
den Hausierhandel seitens der Zunftbrüder nicht selten ver—
hinderten; allein trotz alledem müssen wir uns die Stadt des
Mittelalters zur Marktzeit von einem nach unsern Begriffen
starken Lärm, einem rasch pulsierenden und den Anlockungen
einzelner Ausrufer bald da bald dorthin folgenden Verkehr