Geistesleben im späteren Mittelalter. 301
Surrexit! Und nun knüpfte sich weiteres Wechselgespräch,
sowie das Absingen von Sequenzen an. Es ist eine Form des
Gottesdienstes, die schon für das 10. Jahrhundert ausdrücklich
bezeugt ist. Aus ihr, aus dem recitativen Singen der Evan⸗
gelien überhaupt, sowie aus gewissen symbolischen Gebräuchen
der Kirche entwickelten sich dann weitere Scenen. Der Stoff
beschränkte sich dabei nicht mehr auf die Passion, das ganze
Leben des Herrn, auch andere fromme Erzählungen wurden
hereingezogen. Dazu wurden Lieder gesungen, und Maria als
Gottesmutter wie Maria Magdalena als Vertreterin der sündigen
Menschheit traten besonders hervor.
Der äußere Apparat dieser Darstellungen, wie sie mit dem
14. Jahrhundert voll ausgebildet erschienen, war ärmlich genug;
ein einfaches Podium diente als Scenerie und die einzelnen
Handlungen flossen ohne deutliche Scheidung ineinander, wie
in den Miniaturen des früheren Mittelalters die Darstellungen
fortschreitender Scenen in einem einzigen, diskursiv gehaltenen
Bilde zusammenrannen. Dabei fehlte anfangs jede Spur psycho—
—D— —
dramatisch aufgefaßt, sondern episch; die Handelnden gaben
an, wer sie seien, was sie beabsichtigten, und führten dann
ihre Absicht aus. Es war eine Kunstgattung, die bei dem
häufigen Gebrauch von Musik und bei der Notwendigkeit eines
zwischengeschobenen erzählenden und erklärenden Recitativs
am ehesten, wenn auch entfernt, an ein heutiges Oratorium
erinnerte.
Jetzt aber ging man über diese durchaus epische Form
hinaus. Man begann zu motivieren, indem man den Teufel
einführte als Ratgeber zum Bösen. Man verlegte später auch
wohl die Motivierung schon ins Innerliche, indem man durch
einzelne eingeschobene Handlungen zu zeigen versuchte, Judas
der Verräter sei ein typischer Geizhals, die Landsknechte seien
hergebracht rohe Gesellen, die Juden von Anbeginn schnöde Leute.
Damit verstattete man der konventionellen Haltung bürgerlichen
Verständnisses einen schon nicht unbedenklichen Einfluß. Und
schon war man in einem anderen Punkt weiter gegangen. Man