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Elftes Buch. Zweites Kapitel.
schatten werden, so ist sie auch Herrscherin über Ketzer und
Heiden, und ihrem Haupte, dem Papste, muß jeder sich unter—
werfen, der seiner Seele Heil bedenkt. Schon bei dem h. Thomas
von Aquino, diesem Vollender des zugleich theologischen und
uuristischen Systems der mittelalterlichen Kirche, findet sich der
Satz: Ostenditur eétiam, quod subesse Romano pontifici sit
Je ecessitate salutist, Und was Thomas im stillen schrieb,
das verküundete Papst Bonifaz VIII. in der Bulle Unam sanctam
bom 18. November 1802, jener großen Kodifikation äußerster
—E cathedra: subesse Ro-
nano pontifici omni humanae creaturae declaramus, dicimus,
definimus et pronuntiamus omnino esse de necessitate
zalutis. Und er fügte hinzu: beide Schwerter, das geistliche
wie das weltliche, gehören zum Amtsbereiche der Kirche, und
die geistliche Gewalt hat unter Umständen die weltliche ein—
zusetzen und zu richten. Waren höhere Ansprüche noch denk—
har? Und doch haben Theoretiker der päpstlichen Allgewalt
aus der Zeit des letzten großen Kampfes zwischen Imperium
und Sacerdotium, ein Augustinus Triumphus (F 1828) und
Alvarus Pelagius (f 1382), sich, allerdings vom Eifer der
Polemik fortgerissen, zu noch maßloseren und geschmacklosen
UÜbertreibungen verstiegen.
So war auf kirchlichem Gebiete kein Zweifel: das mittel—
alterliche religiöse System war vollendet, die Kirchenverfassung
war ausgebaut und durchdacht bis in ihre äußersten Konse—
quenzen: der Papst war die Kirche. Aber hätte nun diesem
hinreißenden Bilde nicht eigentlich die thatsächliche Weltherrschaft
bes Papstes entsprechen müssen? Hier aber war, und zwar
gerade mit dem Siege der Päpste über die weltliche Universal—
gewalt der Staufer, jenes so oft verfluchten Otterngezüchts,
eine Wendung eigener Art eingetreten.
Wir wissen, daß die Päpste Urban IV. und Clemens IV.
1261 1268), beides Franzosen, sich im letzten Kampfe gegen
1Opusc. c. érr. Graec. fol. 9; vgl. Harnack, De —
396 Anm. 1. ; vgl. Harnach, Dogmengesch. 3