Full text: Gesellschaftslehre

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Lokalgruppe auch als Träger der gesellschaftlichen Ordnung, indem sie 
über Sitte, Moral und Anstand wacht. Die Einheit für diese Kräfte 
ist allerdings größer. Sie liegt in dem Stamm, der in der Regel mehr 
als eine Lokalgruppe umfaßt. Aber die Lokalgruppe wacht über die 
Befolgung der hier in Rede stehenden Gebote vermöge des Druckes 
der öffentlichen Meinung und des Appells an das Ehrgefühl des Ein- 
zelnen. 
Sippe und Lokalgruppe. 
Die Funktionen der Lokalgruppe können sich bei wachsender Kopfzahl zurück- 
ziehen auf den engeren Kreis der Nachbarschaft. In dem modernen Großstadtleben 
ist auch dieses Gut zerstört worden. — Anderseits kann die Lokalgruppe sich ge- 
wissermaßen verdichten zur „Hausgemeinschaft“, wo nämlich die ganzen Ortsgenossen 
in einem einzigen oder in wenigen jener großen Langhäuser wohnen, die uns nament- 
lich in Amerika, Mikronesien und dem malaiischen Gebiet begegnen. In jedem der- 
artigen Langhause sind natürlich die Funktionen der Lokalgruppe noch viel intensiver. 
Bei dem Stamm der Kayan auf Borneo z. B., über deren starken Gruppenzusammen- 
hang wir schon früher (S. 372) eine lehrreiche Schilderung wiedergaben, enthält ein 
Dorf ein paar, höchstens sieben bis acht Langhäuser, deren jedes 40 bis 50 Familien 
mit zusammen 2—300 Seelen umfaßt. (Hose and Mc Dougall, The pagan tribes of 
Borneo I, 64.) Die abgedruckte Schilderung betont nur eine der von uns an- 
zeführten Funktionen der Lokalgruppe, nämlich die Kontrolle über das gegenseitige 
Benehmen, die bei dem engen Zusammensein natürlich einen besonders hohen Grad 
arreicht. 
41. Die Männerbünde und Berufsorganisationen. 
i, Die Männerbünde und insbesondere die Jugendbünde gehören 
;benfalls zu den fast universell verbreiteten und bedeutsamsten Formen 
ler Gruppe. Im Gegensag zur Familie und zum Staat hat man ihre 
Bedeutung erst neuerdings zu erfassen begonnen. Zuerst hat der Ethno- 
loge Heinrich Schurtg mit einem Überblick über ihre Verbreitung bei den 
Naturvölkern einen Versuch ihrer Würdigung verbunden. Es ist aber 
auch für ein Verständnis der modernen Verhältnisse die Einsicht in ihre 
Bedeutung unerläßlich. — Nach ihren wesentlichen Eigenschaften sind 
die Männerbünde Vereinigungen ausschließlich von Männern, in der 
Regel wieder in sich nach Altersklassen gegliedert oder auf wenige Alters- 
klassen beschränkt, die eine teilweise oder gänzliche Lebensgemeinschaft 
bilden und dabei teils der Muße und Erholung pflegen, teils sich gewissen 
Zwecktätigkeiten widmen. Wir finden sie verbreitet zunächst bei den 
meisten Naturvölkern. Hier können wir eine demokratische und eine 
aristokratische Form unterscheiden. Bei der ersteren werden alle Män- 
ner, die das erforderliche Alter besigen, aufgenommen, bei der legsteren, 
die sich auf verhältnismäßig höhere Stufen der Kultur beschränkt, weil 
sie gewisse Unterschiede in der gesellschaftlichen Stellung vorausseßt,.
	        
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