Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. J 137
der Nachwelt, und auch ruhige Geister sehnten sich nach dem
Lorbeer des gekrönten Dichters. Die bildenden Künstler aber,
einstens Handwerker, traten jetzt flott heraus mit ihrer Person,
wie das Persönliche in ihren Schöpfungen wirkte. Hatte die
gotische Architektur mit ihrer logischen Weiterbildungsfähigkeit
gewisser konstruktiver Gedanken zur Ausbildung eines Virtuosen⸗
tumes geradezu aufgefordert, so ist es nicht wunderbar, wenn
schon aus dem 14. Jahrhundert die Namen berühmter Bau—
meister voll herübertönen: die erste Büste eines deutschen Architekten
ist die Peters von Gemünd in der Triforiengalerie des Prager
Domes aus der Zeit Karls IV. Und die Maler bleiben nicht
zurück. Von der Zeit ab, da die moderne Forschung im Tafelbild
stärkere individuelle Züge und das Fortleben von Schulen zu
unterscheiden vermag, sind auch die Namen der gleichzeitig
lebenden Künstler bekannt und als ruhmreich überliefert. Und
schon früh im 15. Jahrhundert beginnt die Sitte, dem eigenen
Werke in stolzer Signatur den Namen des Schöpfers einzuver⸗
leiben. Oft freilich geschieht das noch bescheiden. Wer würde
heute noch die Inschrift des herrlichen Altars der Anbetung der
Magier im Johannishospital zu Brügge, eines Hauptwerks
Memlincs, in der Form des 15. Jahrhunderts abzufassen wagen:
Dit werck dede maken broeder Jan Floreins alias van
der Rüst broeder proffes van dem hospitale van sint Jans
in Brugghe anno Mocoοxxx. Opus Johanis Memline!
Aber andere Künstler gingen bald über die bescheidene Zurück
haltung Memlincs hinaus, und Dürer hat es für angemessen
erachtet, seinen Hauptwerken nicht bloß seine Signatur, sondern
auch eine figürliche Darstellung seiner eignen Verson mit auf
den Weg der Jahrhunderte zu geben.
Und was die im Geiste Reichen trieben, das ahmte die
Durchschnittsmenge der individualistisch gesinnten Gesellschaft nach.
Auch sie trieben Kultus, wenigstens mit dem Außeren ihrer
Persönlichkeit. Während der naturalwirtschaftliche Lurus des
übertriebenen Essens und Trinkens noch in bedauerlicher Über—
treibung fortdauerte, ergriffen sie zugleich den Luxus der Tracht.
Immer rascher begann die Mode zu wechseln, immer mehr