Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 211 
und Nerven, in denen ihm die Fibern vornehmlich deutlich zu— 
tage zu treten schienen. Und hier machte er dann als erster 
die Beobachtung jener Kontraktionsfähigkeit der Muskeln und 
zahlreicher anderer Gewebe, die teilweise auch nach dem Tode 
bestehen bleibt, und des Empfindungsvermögens der Nerven 
für äußere Reize: der Irritabilität also und der Semnfibilität: 
von Erscheinungen, die tief in das Wesen der organischen Welt 
einzuführen geeignet waren. Diese Entdeckungen aber waren 
nicht möglich ohne Erweiterung der Forschungsmittel. Haller 
war zugleich der Begründer des geordneten physiologischen 
Erxperimentes, während er freilich, wie noch die nächsten Genera— 
tionen der Mediziner nach ihm, den Gebrauch des Mikroskops 
vernachlässigte. 
Die großen Entdeckungen Hallers aber hatten ihre nächsten 
Folgen aus uns schon bekannten Zusammenhängen und Gründen 
nicht auf physiologischem oder morphologischem Gebiete, auch 
nicht auf dem der zoologischen oder botanischen Systematik, 
sondern in der Medizin. Aber hier waren diese Folgen denn 
auch außerordentlich: beinahe ein Jahrhundert, darf man sagen, 
blieben sie deutlich erkennbar. 
Auf Grund der Forschungen Hallers über Sensibilität 
und Irritabilität bildeten sich drei medizinische Gesamtanschau— 
ungen aus, indem von einer Schule, die vornehmlich durch 
den Engländer Cullen vertreten wurde, die Irritabilität als 
Folge der Sensibilität gefaßt wurde, während eine zweite, die 
an den Namen des Schotten Brown anknüpfte, umgekehrt als 
oberstes Prinzip die Irritabilität aufstellte, und endlich eine 
dritte, die sich insbesondere in Frankreich und zwar an der 
Fakultät von Montpellier entwickelte, Irritabilität und Sensi— 
bilität zu einem höheren Gesamtbegriffe zu verschmelzen suchte. 
Dementsprechend führte die erste Schule jede Lebenserscheinung 
auf den Einfluß der Nerven zurück, wollte die zweite alles vom 
Standpunkte der Muskelerregung begreifen, entwickelte die dritte 
die sogenannte vitalistische Methode, indem sie Reizbarkeit und 
Erregbarkeit als Doppelausfluß einer allgemeinen Lebenskraft 
ansah.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.