152 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
kann man ihn in der deutschen Entwicklung vergleichen, als
Luther. Er giebt, wie dieser, seinem Volke die Einheit der
Sprache; er reißt, wie dieser, wenn auch auf anderem Gebiete,
seine Nation in konservativem Ringen mit den Mächten der
Vergangenheit fort zur entzückenden Aussicht auf ein neues
Zeitalter befreiter Persönlichkei. Seine drei Bücher von der
Monarchie zeichnen noch das Ideal des mittelalterlichen Kaiser—
tums; doch neben dem erhabenen Bild der Vergangenheit reift
halb traumhaft schon die Vorstellung vom Staate als einem
nationälen Organismus und die Idee der persönlichen politischen
Freiheit. Seine göttliche Komödie behandelt einen echt mittel—
alterlichen Stoff; sie stellt die lebende und die abgeschiedene
Welt dar nach dem Wertmaßstabe der Kirche. Aber die feine
Naturbeobachtung, die plastische Darstellung, das persönliche
Feuer in der Schilderung der geistigen Zusammenhänge zeigen
den modernen Dichter. Und völlig modern ist Dante im Kern
seiner intimen Schriftstellerei, in seinen Briefen mit ihrer politisch—
oublicistischen Tendenz, in seiner realistisch zergliedernden Selbst⸗
biographie der Vita nuova. Selbst Petrarca (1304 - 1374) hat
ihn in dieser Hinsicht kaum übertroffen. Was Petrarca dagegen
auszeichnet, das ist die volle Erkenntnis seiner selbst als einer
individualen Persönlichkeit, als eines Mikrokosmos mit eigner
Daseinsrichtung, und die Klarheit darüber, daß er mit einer
solchen persönlichen Haltung die geistige Disposition des Alter—
tums treffe. Eben dies letztere machte ihn zum Humanisten;
hierauf beruhte seine begeisterte Liebe zur Antike. Und er
empfand wohl, daß er darüber das nationale Dasein nicht zu
verlieren brauche. Die römische, namentlich die spätrömische
Litteratur, in der er lebte, zeigte die nationalen Ideale des
Altertums schon verblaßt und aufgelöst in die Anschauungen
des römischen Weltreichs. So ließ sich nach der An—
schauung Petrarcas die Kultur der Alten ohne Verstoß gegen
das Komplement des neuen, sich regenden Individualismus und
damit gegen den nationalen Gedanken überhaupt weihevoll
und freudig erneuern. Petrarca hat dies bewußt gethan;