Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 155 
Jahren, da die nominalistische, auf Aristoteles beruhende Scho— 
lastik die ersten Angriffe erfuhr, zu einer Zeit, da in Italien zu— 
zgleich der mächtig geförderte Schönheitssinn der Nation einer philo— 
sophischen Lebensanschauung von konkreter, künstlerischer Form 
nachging. Wer hätte dieser Neigung mehr entsprochen, wer 
dem Nominalismus erfolgreicher entgegengesetzt werden können, 
als Plato? Und eben jetzt ward er den Italienern vermittelt. 
Georgios Gemisthos, ein dreiundachtzigiähriger Greis von 
achtunggebietender Schönheit, kam gelegentlich des ferraresisch— 
florentinischen Konzils im Jahre 1489 nach Italien und 
legte die Lehren des Meisters aus. Darauf erhob sich ein er— 
hitterter Kampf zwischen Nominalisten und Platonikern, und 
Plato siegte. Fast alle Universitäten fielen der neuen Philo— 
sophie zu; nur in Padua herrschte Aristoteles noch weiter 
his ins 17. Jahrhundert. Und mehr: in Rom, das mit Papst 
Nicolaus V. (1447 -1455) in die volle Bewegung der Renais⸗ 
sance eingetreten war, und in Florenz, von jeher dem Brennpunkt 
des jungen geistigen Lebens, bildeten sich förmliche platonische 
Akademien. Die römische, von Bessarion und Pomponius Laetus 
begründet, schob bald Plato an die Stelle der Bibel und schritt 
zu einem fast heidnischen religiösen Kultus fort; die floren— 
tiner, eine Schöpfung Cosmo Medicis, blühte unter Marsilio 
Ficino und Giovanni Pico della Mirandola mächtig empor, 
wurde zu einer Stätte nationaler Poesie und entwickelte eine 
zwischen Plato und Christus vermittelnde Lebensanschauung, 
die unter den Angehörigen der letzten Generationen des Renais⸗ 
sancezeitalters, auch unter den äußerlich Kirchengläubigen, die 
weiteste Verbreitung fand. Ja mehr als das: die zur Grund— 
lage ward eines letzten großen Aufschwungs des gesamten 
talienischen geistigen und künstlerischen Lebens. In ihrer Atmo— 
sphäre bewegten sich Sannazaro, der Dichter dreier Gesänge De 
partu virginis, darin Heidnisches und Christliches im glänzenden 
Zuge der Bilder und Gedanken völlig verschmolzen sind, ferner Bo⸗ 
jardo und selbst noch Ariost; von ihr belebt schufen die großen 
Vertreter der bildenden Künste um die Wende des 15. und 16. Jahr— 
junderts. Vor allem in Michelangelo lebte der transscendentale
	        
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