156 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Zug dieses platonischen Zeitalters; ihm war die Kunst das
Mittel, zur Anschauung des Göttlichen zu gelangen. Aber selbst
Lionardo, sonst vor allem der Vollender des früheren Quat—
trocento, eine reine, dem Schönen und Wissenswerten vor allem
dieser Welt zugewandte Forschernatur, zeigte sich nicht frei von
platonischen Einwirkungen; und auch Rafael, obwohl er nicht
der charakteristischen, sondern der idealen Schönheit diente,
vermittelte in seiner getragenen Art in der Schule von Athen
zwischen Christentum und Paganismus, ein intimer Freund der
platonischen Humanisten Bembo, Castiglione und Bibiena.
Wir übersehen jetzt die allgemeinsten Züge der italienischen
Entwicklung. Wie mußte sie, früher auf dem Felde als der
deutsche Individualismus, auf diesen einwirken? Und wie
konnten sich in diesem die klassischen Elemente auch losgelöst
von italienischer Entwicklung geltend machen?
In Deutschland sind Spuren unmittelbarer klassischer Ein—
flüsse weit zurückzuverfolgen. Sehen wir von der karlingischen
und der ottonischen Renaissance ab, so hat es auch später an
Einzeleinwirkungen nicht gefehlt, weder auf dem Gebiete der
Jurisprudenz noch dem der Philosophie, noch dem der Mathe—
matik und Naturwissenschaften. Aber diese Verlautbarungen
waren nicht stark genug, um ein weithallendes Echo zu finden;
sie haben keine Renaissance herbeigeführt. Die entscheidenden
Anstöße kamen von außen.
Und hier schien es zunächst, als sollte, wie einst im Zeit—
alter der ritterlichen Gesellschaft, Frankreich die Fuhrung über—
nehmen. Frankreich beherrschte noch fast das ganze 18. Jahr—
hundert hindurch die italienische Litteratur; namentlich in Ober—
italien ahmte man in provençalischer Sprache die Lyrik der Trou—
badours nach, und nur die religiösen Dichtungen des h. Franz und
Jacopones waren eigentlich italienisch-⸗national in ihrer hinreißen—
den Erhabenheit. Und auch im 14. Jahrhundert dauerte der
französische Einfluß in Italien noch fort. Dem entsprach es,
wenn sich in Frankreich schon früh und noch vor Dante und
Petrarca die Anfänge einer verheißungsvollen Renaissance ent—
wickelten. Man pflegte den Briefstil und die rhetorische Kunst