Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 159
italienischen Handelsstädte aber, die hier in Betracht kamen,
waren hauptsächlich Mailand und Venedig.
Doch nicht in ihnen vornehmlich entwickelte sich wiederum in
Oberitalien am frühesten die neue Kunst. Der künstlerische Mittel—
punkt, soweit von einem solchen gesprochen werden kann, war
da vielmehr zunächst Padua: hier begann schon im zweiten
Viertel des 15. Jahrhunderts mit Squarcione eine bedeutende
einheimische Entwicklung. Völlig nach außen hin wirksam wurde
diese aber erst mit Squarciones bedeutendstem Schüler, Andrea
Mantegna (1481 — 1506), einem Manne feinster klassischer
Bildung, einem eifrigen Antiquitätensammler, dem antikisierendsten
vielleicht von allen Malern der Zeit, der mit dem Naturalismus
des äußeren Studiums die Erforschung der perspektivischen und
anatomischen Gesetze verband und, der plastischen Auffassung
der Alten zugewendet, allmählich aus Rauheit und Schärfe zu
klassischer Reinheit und sicherem Adel der Darstellung emporstieg.
Mantegna war zugleich Kupferstecher. Als solcher vor
allem hat er früh über ganz Oberdeutschland gewirkt; die
meisten Maler standen hier unter dem Eindruck seiner wenigen
von Stadt zu Stadt verbreiteten Blätter. Als Maler dagegen
hat er die Deutschen unmittelbar viel weniger, als durch die
Vermittlung des paduanischen Einflusses nach Venedig gefördert.
In Venedig war der Einfluß Paduas schon bei Bartolomeo
von Murano und Crivelli (um 1460) deutlich. Er setzte sich
dann fort bei den ersten großen Malern der Lagunenstadt, dem
scharf beobachtenden Gentile und dem empfindungswarmen
Giovanni Bellini (f 1516). Aber die beiden Bellini unterlagen
zugleich, namentlich in der Technik, der flandrischen, durch
Antonello da Messina vermittelten Einwirkung. Und sie ver—
banden diese fremden Anregungen mit dem specifisch Venetianischen
der Malerei, wie es sich aus dem besondern Beleuchtungscharakter
der Stadt, aus der schwimmenden goldnen Luft ihrer Atmosphäre,
entwickeln mußte. So bereiteten sie jene Höhe venezianischer
Kunst vor, auf der neben Giorgione und Palma vecchio vor
allem Tizian gestanden hat. Und das war nun eine Entwicklung,
die bei den Handelsbeziehungen der Stadt unablässig in Ober—