Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

160 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.

deutschland fühlbar werden mußte. Und persönliche Zusammen—
hänge kamen hinzu. Als Dürer im Jahre 1506 zum zweiten⸗
mal in Venedig war und sein Rosenkranzfest für das intime
Innere, für den Kapellenraum des Fondaco dei Tedeschi malte,
wurden eben die Aufträge vorbereitet, nach denen Giorgione
und Tizian das Außere dieses deutschen Kaufhauses mit
Fresken schmücken sollten.
Inzwischen aber hatte sich auch in der zweiten großen
Handelsstadt der Lombardei, in Mailand, die Blüte der neuen
Kunst entfaltet. Nach geringeren Anfängen Foppas und seiner
Schüler, wie sie mit der Malerei Squarciones zusammenhingen,
und neben der echt lombardischen Kunst eines Ambrogio Bor⸗
gognone sah das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts hier die
Wirksamkeit des großen Architekten Bramante und vor allem
Lionardos, der auf Einladung Ludovico Sforzas von Florenz
herübergekommen war, jenes in Theorie und Prarxis gleich be—
deutenden Bahnbrechers der großen Malerei des Cinquecento.
Nun ist Lionardo allerdings mit Schluß des Jahrhunderts wieder
aus Mailand weggegangen. Aber zahlreiche Schüler wirkten in
seinem Sinne fort, und die von ihm erregte Bewegung war stark
genug, um namentlich über Basel nach Oberdeutschland zu fluten.
Zeitlich ergiebt sich aus diesen Zusammenhängen, daß an
einen tiefergreifenden Einfluß italienischer Kunst auf deutschem
Boden vor dem Ende des 15. Jahrhunderts überhaupt nicht
zu denken ist. In der That zeigt er sich selbst im ornamentalen
Detail der Architektur deutlicher kaum vor dem Jahre 1500
und reicht höchstens in kleinen Spuren bis etwa 1490 zurück;
der erste größere Renaissancebau ist der Kiliansthurm zu Weins—
berg gewesen, erbaut 161351519. Und erst seit etwa 1530
wird das ornamentale Gewand des neuen Stils in kleinen
deutschen Lehrbüchern für Deutsche beschrieben. In der Malerei
aber liegen die italienischen Einwirkungen erst recht nicht früher;
deutlich zu Tage treten sie erst bei Hans Burgkmair um 1500,
beim älteren Hans Holbein um 1508. Dabei sind diese beiden
Maler in Augsburg, der ersten und größten Einfallspforte des
italienischen Einflusses von Venedig her, thätig. Viel länger
            
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