Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. J 161
dauerte es dann, ehe sich die italienischen Kunstformen über ganz
Deutschland verbreiteten; in Schleswig-Holstein sind sie erst
zwischen 1543 und 1546 nachweisbar. Rascher geht die Ver—⸗
breitung nur auf kolonialem Gebiete vor sich, im einst slawi—
schen Osten; vielleicht deshalb, weil die neuen Stilelemente
hier nur als ein Glied erschienen in jener langen Kette west⸗
und südeuropäischer Kulturformen, die es überhaupt zu erringen
galt.
Außerst schwierig zu beantworten bleibt aber bei alledem
die wesentlichste aller Fragen: wie tief nämlich bei der sehr
verschiedenartigen Entwicklung der individualistischen Grundlage
in Deutschland und Italien die durch die italienische Ent⸗
wicklung vermittelte antike Kultur auf das deutsche Geistesleben
überhaupt zu wirken imstande gewesen sei. Soviel indes springt
doch alsbald in die Augen, daß die litterarische Bewegung weitaus
mehr eingewirkt hat, als die der bildenden Kunst.
Auf dem Gebiete der Kunst hatte die italienische Renais⸗
sance vor allem mit den Anschauungen der mittelalterlichen
Kirche gebrochen, welche das Diesseits geächtet und in der Kunst
überall einen Zug zur Verinnerlichung proklamiert hatte. Statt
dessen hatte sie die Selbstherrlichkeit der Form gepredigt; wie
das Individuum, so hatte sie gleichsam die Schönheit an sich
der bisherigen Fesseln entledigt und die Herrschaft des schönen
Scheins hergestellt. War das ein Zug der Entwicklung, der
der deutschen Kunst entgegenkam, die stets mehr dem Charak⸗
teristischen, als dem sinnlich Schönen zugestrebt hat? Es ergab
sich hier eine kaum zu überbrückende Kluft. Niemals hat der
Deutsche die Renaissanceformen mit der Klarheit des Italieners
gesehen, niemals sie so rein und gesetzmäßig angewandt; im
ganzen blieb er im Dekorativen stecken und hat aus dem
ornamentalen keinen architektonischen Stil selbständig ent—
wickelt.
Anders im litterarischen Kreise. Zwar waren auch hier
die Unterschiede der Entwicklung von vornherein groß. In
Italien bedeutete der Humanismus eine Strömung von säkularer
Dauer, aus dem Volksleben allseitig erwachsen und stark hinein—
Lamprecht ,Deutsche Geschichte V. 11