Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. J 165
nahm, und dabei sich sogar in der Verwendung entästeter
Baumstämme als architektonischer Glieder ergehen konnte. Allein
in diesem Übergange lag doch keineswegs das Grundsätzliche der
Bewegung. Viel tiefer setzte diese ein; die Natur überhaupt in
ihren Umrissen und in ihrem lokalen Farbenreichtum zeich—
nerisch und plastisch wiederzugeben, so wie sie ist, ohne jedes
konventionelle Element, ward jetzt Ziel der Kunst und bald
glänzend erreichte Errungenschaft. Absolut also ist, soweit
Kontur und Lokalfarbe in Betracht kommen, dieser Naturalis—
mus; Generationen hindurch, bis tief ins 16. Jahrhundert
hinein, bleibt er unabgeklärt durch die Formen der Antike
und wissenschaftliche, sei es anatomische, sei es mathematisch-—
perspektivische Einflüsse, und tastend greift er schließlich bis—
weilen schon über die dem künstlerischen Auge dieses Zeit—
alters gesetzte Grenze hinaus in das Reich des Lichts und der
lichtdurchwobenen Farbe.
Es versteht sich, daß eine solche Kunstrichtung, die der
Natur unmittelbar zur Seite ging, trefflich Schönes und roh
Empfundenes, Formenreines und Formentstelltes nebeneinander
erzeugen konnte; wollte sie doch nichts wiedergeben als die
Wirklichkeit, die Wirklichkeit des Niedrigen wie des Erhabenen.
So wird die Kunst dieses Zeitalters reich an Verschiedenartigkeit
der Vorwürfe und an mannigfachem Wechsel der Auffassung; sie
birgt Perlen und leere Muschelgehäuse; neben der reifen Frucht
lagert Spreu; neben Meistern, die mit der naturalistischen Auf⸗
fassung des Umrisses und der Lokalfarbe hohen Schönheitssinn
verbinden, stehen Liebhaber des Häßlichen, Rohen und Sonder⸗
baren.
Eines aber ist es, was sie in der Zeit dieser Entwicklung,
die von etwa 1480 bis zum Schluß des 15. Jahrhunderts
reicht, alle miteinander verknüpft: die stetige Wendung auf
das Religiöse, Transscendentale trotz alles Realismus der
Formen. Freilich besitzen sie nicht mehr die unangefochtene
naiv religiöse Heiterkeit eines Meister Wilhelm; die konventio—
nelle Stimmung ungetrübten, untrübbaren kirchlichen Friedens
ist dahin. Aber geblieben und ins Männliche verstärkt ist der