166 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
religiöse Ernst, die wahre Frömmigkeit, und so hält man an
den alten Idealen fest bei allem Realismus.
Die herrlichste und früheste Blüte trieb diese neue Kunst
in den Niederlanden. Hier, in Flandern und Brabant, den
Ländern besonders eilender Entwicklung, hatte das städtische
Leben im 14. Jahrhundert Formen angenommen, die östlich
vom Rhein und in Süddeutschland im allgemeinen erst wäh—
rend des 15. Jahrhunderts erreicht wurden. Hier zeitigten der
Handel Brügges und Antwerpens sowie die Industrie Gents
und Löwens schon gegen Schluß des 14. Jahrhunderts eine
geistig bewegte bürgerliche Gesellschaft von besonderer Natürlich—
keit, ja Derbheit, und bald trat diese in ergebnisreichen Wett—
bewerb mit dem gesellschaftlich feinen, französisch beweglichen
Hofe des burgundischen Landesherrn. Es war ein Boden, ge⸗
eignet wie kein anderer, um die ästhetischen Bildungskräfte der
Nation vorwärts zu treiben.
In der That weist die flandrische Plastik schon ungemein
früh realistische Spuren auf, und auch in der Miniatur er—
geben sich schon gegen Schluß des 14. Jahrhunderts deutliche
Beweise des erwachenden Naturalismus. Gleichwohl erscheint
der Aufschwung der Tafelmalerei seit etwa 1420 fast wie ein
Wunder, und doch ist er wieder persönlich begreiflich: denn er
ist geknüpft an das Zusammenwirken zweier großer Maler—
genies, der Brüder Huibrecht und Jan van Eyck.
Huibrecht wird im Jahre 1424 als angesehener Maler in
Gent genannt, dort ist er am 26. September 1426 verschieden.
Sein vermutlich weit jüngerer Bruder Jan war 142224
Hofmaler im Haag, seitdem burgundischer Hofmaler in Lille,
Gent und Brügge; in Brügge ist er am 9. Juli 1440 gestorben.
Das Hauptwerk der Brüder ist der große Altar von Gent,
eine gemalte Encyklopädie des Erlösungswerks Gottes, durch
das die Menschheit in der Sendung des Sohnes nach Adams
Fall von ihrer Sünde befreit wird. Der Altarschrein zeigt
geschlossen als Hauptbild die Verkündigung des Engels an
Maria, daneben Propheten, Sibyllen und Evangelisten sowie
die Stifter — geöffnet in einer oberen Reihe Adam und Eva,