Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 167 
zwischen ihnen Gott Vater mit Maria und Johannes, von 
musizierenden Engelchören umgeben, in einer unteren Reihe 
in freier Landschaft das welterlösende Lamm Gottes, dem 
Vertreter aller Stände in frommer Erregung und herz— 
lichem Verlangen zuwallen, auf daß es sie weide und 
leite zum Brunnen lebendigen Wassers. Uralt, auf theo— 
logischer Grübelei aufgebaut ist der Grundgedanke dieser 
Bilderfolge. Aber welches Leben haben die Künstler in sie 
hineingezaubert! Die Stifter auf der Werktagsseite des Altars 
find von einer fast erschreckenden Naturwahrheit; man glaubt, 
sie leben zu sehen, den braven, etwas beschränkten Bürger 
Jodocus Vydts und seine an sich haltende Hausfrau; es sind 
die ersten vollendeten Bildnisse der deutschen Kunst. Und im 
Zimmer, worin der Engel Maria begegnet, tanzen die Sonnen⸗ 
stäubchen im letzten Strahl der untergehenden Sonne, und 
durch die offenen Fenster sieht man hinaus auf den städtischen 
Markt und seine giebelstolzen Häuser. Es ist eine Stimmung 
des Wohlbehagens, die, ein wenig ins Weihevolle getaucht, erst 
recht die Landschaft des Innenaltars beherrscht: hier blickt man 
über das Lamm und die herandrängenden Christenscharen hin— 
weg in tiefe Schluchten und grüne Halden, in Felsenhänge und 
Waldgebirg, und die hügeligen Höhen tragen fromme Städte 
mit ragenden Kirchen. 
Über der bunten Fülle dieser Welt aber thront in feier— 
lichem Ernste, dem Christustypus der Überlieferung gleichend, 
Gott Vater selbst voll erhabener Wüurde. Und würdig und 
erhaben sind die Nebenfiguren, Maria und Johannes. Aber 
gleichwohl haben sie nichts Konventionelles, nur in der Über⸗ 
lieferung Begründetes mehr. Maria ist eine flandrische Jung— 
frau, die fromm-beschaulich in ihr Gebetbuch vertieft ist, 
Johannes der biedere Mann, der andere zu belehren weiß 
und zu beglücken. Es sind Menschen des Jahrhunderts, die 
aktuell empfinden und ansprechen, wenn auch von keuschester 
Anlage und edelster Bildung. Und nun im Gegensatz zu 
Maria und Johannes in ihren breit fallenden Gewändern die 
nackten Gestalten des ersten Menschenpaares. Mit unerbitt—
	        
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