Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

168 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
licher Wahrheitsliebe sind sie nach dem zufälligen, für Eva 
nicht eben schönen Modell gemalt bis auf die feinbehaarten 
Schenkel und Waden Adams und die zarten Fußnägel der 
Eva. Dabei sind sie fest modelliert mit eingehender Kenntnis 
des Muskeläußern und entsprechen im Fleischton der Farben— 
abstufung der Modelle: so zeigen sie, den Wendepunkt zur 
modernen Kunst: der Mensch ist entdeckt! 
Es ist das Ergebnis, das sich auch sonst den Malereien 
Jans entnehmen läßt, deren wir eine ziemliche Anzahl besitzen. 
Peinlich wahr ist das Leben in ihnen erfaßt; in jeder seiner 
Einzelheiten hinab bis zur Blume im Wiesenteppich wird es 
unübertrefflich wiedergegeben; vollendet in Zeichnung und 
Überlieferung jeder Außerlichkeit erscheint das Bildnis. 
Dabei verbindet eine tiefe, warm persönliche Liebe zum Ganzen 
die gleichsam photographisch, ja fast mikroskopisch erfaßten 
Einzelheiten und schafft trotz aller Individualbeobachtung aus 
ihnen ein Bild. 
Es ist ein Aufschwung, der nicht möglich gewesen wäre 
ohne technischen Fortschritt. Bisher waren in der Tafelmalerei 
die Farben einzeln angerieben und bei dem Auftrage neben 
oder auf schon trockene Farben gesetzt worden. Wie hätte 
diese Art der Malerei (Temperamalerei) die Farben zum 
Flammen, die lokalen Lichter zum Aufblitzen, die Tiefen zu 
verstohlenem Glanz zu bringen vermocht! Jetzt führten die 
van Eycks das bisher nur handwerksmäßig verwandte Binde— 
mittel des Ols und damit die Malerei Naß in Naß in die 
Kunst ein und erreichten damit die erwünschte intime Leucht— 
kraft und plastische Modellierung sowie die volle Verschmel-— 
zung und Abstufung der Töne. 
Es war ein Anfang unserer neueren Kunstgeschichte von 
einer Großartigkeit und einem Reichtum an neuen Erscheinungen, 
wie sie kaum jemals der Beginn einer künstlerischen Bewegung 
gezeitigt hat. War es möglich, daß dem der Fortgang völlig 
entsprach? Man gehe von den van Eyckschen Tafeln Adams 
und Evas im Brüsseler Museum wenige Schritte bis zu einem 
ersten Elternpaare Lucas Cranachs. Es zeigt das mittlere
	        
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