Erste Blüte individnalistischen Geisteslebens. 171
einer der Tafeln des Hospitals befindet sich auch ein angeb—
liches Selbstbildnis des Meisters; es zeigt einen sinnenden Zug,
der etwas ins Leidende hinüberspielt, auf dem Haupte die
noch heute gebräuchliche Siechenmütze des Hospitales.
Die letzten großen Meister der altniederländischen Schule
sind Gerhard David und Jan Joest. Auch sie sind JIdylliker,
aber gröberer Art, Wiederholungen gleichsam Memlines von
einheimisch-holländischer Herkunft. Die Grenzen der Kunst
Davids erschaut man am besten im Brüsseler Museum. Hier
hetrachte man die Darstellung des Urteils des Kambyses und
das Altarblatt der Taufe Christi und lasse sich dabei die
Außenseite der Altarflügel aufschlagen. Wie tritt da jeder
Versuch einer Darstellung des dramatisch Bewegten zurück vor
dem Zauber der liebenswürdigen Anmut, der von der Madonna
ausgeht und von dem Jesusknaben, welcher dem Kinde der
Stifterin eine Weintraube in graziösester Unbeholfenheit dar—
reicht. Jan Joest kann man fast nur in Calcar kennen lernen;
hier hat er den Altar der Nicolaipfarrkirche gemalt in vor⸗
nehmer Anmut, mit jenem sichern Maßhalten in festen
Formen, das das Erbe einer großen UÜberlieferung zu
sein pflegt.
Jan Joest, ein Haarlemer Kind, ist 1619 gestorben, Gerhard
David, aus Oudewater in Holland, im Jahre 1528. Beide
Meister reichten damit in das Zeitalter der niederländischen
Malerei hinein, das mit Quinten Massys (7 1531) beginnt
und in gerader Linie der Entwicklung hinführt zu Rubens und
Rembrandt. Zu der Zeit aber, da sie starben, war die nieder—
ländische Malerei schon Gemeingut fast aller Nationen des
Abendlandes geworden. Nicht umsonst hatte sie sich in den
bedeutendsten Handels- und Industriestädten Mitteleuropas ent⸗
wickelt. Fremde sahen darum früh ihren Aufschwung, und
eine lebhafte Gemäldeausfuhr war die Folge. Sie ging nach
Spanien und Portugal, wo sie zur Begründung neuer Schulen
einheimischer Kunst führte; sie ging nach Italien, mit ihr zu—
gleich der Export der nicht minder herrlich entwickelten nieder—
ländischen Musik, auf deren Errungenschaften sich später das