172 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Werk Palestrinas aufbaute. Sie traf vor allem auch das übrige
Deutschland. Was war natürlicher, als daß die großen Hanse—
kaufleute des. Ostens die Altäre ihrer Marienkirchen mit vlä—
mischen Bildern schmückten? Eine organische, für die weitere
Entfaltung der deutschen Malerei fruchtbringende Verbreitung
aber fand die Kunst des Nordwestens doch nur im alten, nicht⸗—
kolonialen Deutschland, den Rhein herauf in Köln und im
Oberland.
Köln hatte noch Ende des 14. Jahrhunderts, in der Zeit
Meister Wilhelms, die Führung in der Malerei des Nord—
westens gehabt; ein Kölnisches Bild dieser Zeit hängt zu
St. Salvator in Brügge. Aber seitdem war seine Kunst ver—⸗
fallen, und der erste große Meister, der dann von neuem auf—⸗
trat, zeigte bei aller Eigenart in seinen spätesten Werken doch
schon den Einfluß der Niederländer. Es ist Stephan Lochener,
ein Oberdeutscher von Geburt, der Ende 1452 zu Köln ge—
storben ist. Er knüpft in seinen ersten Werken an die alten
Kölner Meister an, doch mit einem gewissen Einschuß ober—
deutscher Art und unter dem deutlichsten Streben nach Natura—
lismus. So ist schon seine große Madonna im erzbischöflichen
Museum zu Köln nicht mehr ein Typus der frühkölnischen
engelhaft-seligen Reinheit; das Antlitz ist fester, gleichsam
irdischer gebaut, und die koloristische Wirkung des Bildes ist
derb, breit und natürlich. Noch mehr hervor tritt diese Wand—
lung dann in dem wohl in den vierziger Jahren entstandenen
Altarbild der Kölner Ratskapelle (jetzt im Dom), das die Anbetung
der Magier darstellt; in seinen lebensgroßen Figuren ist es ein
Werk von freiem Wurf, von gewaltiger, freskenartiger Wir—
kung des Tons, realistisch klar und dennoch ergreifend, ein
wenn auch unterlegenes Gegenstück Kölnischer Kunst zum Altar—
werke von Gent.
Aber ist der Naturalismus, der sich hier in der charaktervollen
Auffassung der Köpfe, in dem flotten Auftreten der Personen,
in der festen gegenseitigen Beziehung der Handelnden ausspricht,
nicht schon ein Zeichen niederländischer Einwirkung? Und ist
die angewandte Technik nicht bereits die der Ölmalerei der