Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 173
van Eycks? Die Fragen sind schwer zu entscheiden. Zweifellos
aber stellt sich in späteren Bildern Locheners niederländischer
Einfluß ein. Übermächtig freilich und zerstörend drang dieser
Einfluß erst nach Loch eners Tode vor. Ihm gab sich schon
eine Anzahl teilweis hochbegabter Kölnischer Meister des dritten
Viertels des 15. Jahrhunderts hin, deren künstlerische Indivi—
dualität man wohl kennt, deren Namen aber in der Über—
lieferung noch nicht gefunden wurden: der empfindsame, schön—
heitstrunkene Meister des Münchener Marienlebens, der gewalt—⸗
fjame Künstler der Lyversbergischen Passion, ein gröberer Nach—
ahmer Rogiers, endlich der Meister von St. Severin, eine
Grüblernatur, die auch auf dem Wege des Häßlichen der Natur
entgegenstrebte. Völlig unter im niederländischen Einfluß aber
gingen die Kölner Maler seit der Wende des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts; den Niederländern von Haus aus in Auffassung und
Technik eng verwandt, wurden sie jetzt niederländisch manieriert
und jeder selbständigen Auffassung bar. Eine heilsame Ein—
wirkung der niederländisch-nordwestdeutschen Kunst war unter
diesen Umständen nur in dem den Niederlanden nicht so eng
wie Köln verbundenen Oberdeutschland zu erwarten.
Die Vorbedingungen für eine naturalistische Entwicklung
der Tafelmalerei in Umriß und Lokalton waren in Ober—
deutschland anderer Art, als am Niederrhein und in den
Niederlanden.
Im Nordwesten hatte seit dem 14. Jahrhundert die
Miniaturmalerei unter dem Einflusse des burgundischen Hofes
und seiner französischen Verbindungen einen außerordentlichen
Aufschwung genommen; sie hatte das Versuchsfeld gleichsam
dargeboten, auf dem man sich in realistischen Zügen vornehmlich
der Farbenwirkung zum erstenmal erprobte.
Anders in Oberdeutschland. Zwar lebte auch hier seit späte—
stens dem Ende des 14. Jahrhunderts ein kräftiger Bildersinn,
iber er war weniger Sache der höchsten und zahlungskräftigsten