174 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Kreise, als der bildungshungrigen Menge. Dementsprechend
wurden die Handschriften nicht so sehr mit kostbaren Minia—
turen, als, in demokratischer Illustrationstechnik, mit rasch hin—
geworfenen und roh angetuschten Federzeichnungen verziert. Rein
fabrikmäßig wurde diese Technik betrieben, und ihre Erzeugnisse
waren weit verbreitet; neben Rechtsbüchern, Chroniken, Bibeln
wurden namentlich Andachtsbücher so hergestellt!.
Natürlich förderte diese Kunst die realistische Anschauung
der Dinge in ganz bestimmter, von der niederländischen
Art abweichender Weise. Nicht die zarten Farbenbeziehungen
der Miniaturen wirkten hier ein, sondern der derbe Zug der
Zeichnung: er war die Mitgift, welche die Tafelmalerei der
Illustrat ionstechnik entnehmen durfte.
Verschärft und gefestigt wurde dieser Zusammenhang noch
durch den Umstand, daß sehr verbreitete und volkstümliche
polygraphische Gewerbe die Illustrationstechnik wirkungsvoll
ablösten. Die Techniken des Holzschnitts und des Kupferstichs
sind ihrer Grundlage nach uralt; namentlich auch das frühere
deutsche Mittelalter hat sie in der Form des Pergament- und
Zeugdrucks wie in der Niellotechnik der Goldschmiede bereits
gekannt. Allein zu graphischen Vervielfältigungsverfahren wurden
sie doch erst seit der Wende des 14. und 15. Jahrhunderts, mit
dem Einsetzen demokratischer Bilderlust. Und der Gang
ihrer Entwicklung ist der, daß sie schließlich vor allem in
Oberdeutschland heimisch wurden.
Am frühesten war der Holzschnitt am Platze; seine Anfänge
reichen noch weit über das 15. Jahrhundert zurück, wenn auch
der erste datierte Schnitt, das Einblatt des h. Christoph, erst aus
dem Jahre 1423 stammt. Nun handelte es sich freilich anfangs
nur um Einzeldarstellungen rohesten Charakters, Christusköpfe,
Heiligenfiguren, Reliquienbilder u. dgl. Aber bald suchte man
im Holzschnitt doch auch die verbreitetsten von jenen Büchern nach—
zuahmen, die in zeichnerischer Illustrationstechnik hergestellt wur—
den. Zu dem Zwecke ward eine ganze Reihe von Einzelholzschnitten,
S. Band IV Buch XII Kapitel 8 Nr. IV.