Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. I 175 
denen ein erklärender Text eingeschnitten war, zu einem Buche 
verbunden, dessen figürliche Teile ebenso ausgetuscht wurden, 
wie bisher die Federzeichnungen illustrierter Handschriften. Auf 
diese Art entstanden die sog. Blockbücher, die Ars morieèndi, 
das Speculum humanae salvationis, die Biblia pauperum, 
das Canticum canticorum u. a. m.; ihre Anfertigung scheint 
vor allem noch in den Niederlanden geblüht zu haben. 
Die fernere, weit fruchtbarere Entwicklung des Holzschnittes 
dagegen führte nun namentlich ins Oberland, denn sie hing mit 
Gutenbergs Erfindung zusammen. Als Gutenberg im Jahre 
1450 seine Biblia latina vulgata, das erste mit beweglichen 
Lettern hergestellte Buch, zu drucken begann, wird er schwerlich 
geahnt haben, in welch engen Bund der Holzschnitt alsbald 
mit seiner Erfindung treten werde: schon die nächsten Jahr— 
zehnte brachten eine Fülle illustrierter Drucke, die Bilderlust 
der Nation wuchs jetzt erst recht heran und konnte sich kaum 
noch genug thun. Diese Entwicklung aber folgte naturgemäß 
der nächsten, anfangs beinahe auf Oberdeutschland beschränkten 
Ausbreitung des Buchdrucks. Freilich nahm in ihr der Holz— 
schnitt künstlerisch anfangs keinen Aufschwung; noch bis in die 
achtziger Jahre des 15. Jahrhunderts blieb er mindestens so 
handwerksmäßig, als er gewesen; erst gegen Schluß des 
15. Jahrhunderts begannen große Meister für ihn zu zeichnen; 
und eigentlich erst Dürer hat ihn zu einem vollkommenen Mittel 
künstlerischer Sprache entwickelt. 
Um so wichtiger war der viel früher zu höherem Gebrauch 
entwickelte Kupferstich; er hat für die Geschichte der Malerei 
des 15. Jahrhunderts wie für die Geschichte der Kunst über— 
haupt ungleich größere Bedeutung. Auch für ihn sind die 
Anfänge, die nicht ganz soweit zurückreichen wie für den Holz⸗ 
schnitt, vor allem am Niederrhein und in den Niederlanden zu 
suchen. Aber auch für ihn wurde, und anscheinend noch früher 
als für den Holzschnitt, der Schwerpunkt nach dem Oberland 
verlegt; der Meister des h. Erasmus, dessen Wirksamkeit vor— 
nehmlich noch in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts fällt, 
war wohl in Nürnberg zu Hause; der erste und bedeutendste
	        
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