Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 177
Stecher, als Maler; alle seine Gemälde tragen den Charakter
des Zeichnerischen. Was aber hat er aus dem überlieferten
Kupferstich entwickelt! Mit einer Meisterschaft handhabte er
schließlich dies Ausdrucksmittel, wie sie keiner seiner Vorgänger
besessen hatte, immer stärker gab er das Leben seiner Vorwürfe
wieder, immer weiter dehnte er die Stufenleiter der Töne aus,
bis er sie vom schwärzesten Schwarz des Kernschattens bis zum
zartesten Lichte beherrschte. Und gleichzeitig hiermit streifte er den
gröblich- herben Naturalismus der oberdeutschen Tradition und
Rogiers ab. Seine Köpfe zeigen schließlich nicht mehr das Eckige
eines van der Weyden, seine Volkstypen sind nicht mehr der Ab—
klatsch der rohesten Gesellen der Gasse und des verweltlichten
Passionsspiels. Er wird abgewogen, weich, fast lyrisch in seinen
Schöpfungen, in der großen Blattfolge etwa der Passion mit
ihrem freundlich sanften Christustypus, oder noch mehr in den
seelenvollen, sonnigen Madonnenbildern der späteren Jahre.
Und mit dieser Entwicklung im Kupferstich hielt die in der
Malerei Schritt. Zwar hob sich hier auch später noch Schongauers
Farbenstimmung deutlich ab von der blühenden Palette, der
gegenständlich-sinnlichen Tönung der Niederländer; sie behält
immer einen Bruch ins Graue, und sie tritt zurück hinter der
sicheren Komposition und Zeichnung. Aber innerhalb dieser
Grenzen zeigt sich greifbar ein zunehmender Zug ins Anmutige,
Weiche, ja schließlich ein Streben nach schönheitlichem Natura—
lismus, das dicht davorstand, idealistisch in das Suchen nach
Typen umzuschlagen.
In alledem zeigt sich Schongauer als der eigentliche Vor—
läufer Dürers, und auch äußerlich ist der Entwicklungsgang
beider Männer ähnlich. Beide Söhne von Goldschmieden
teilten sie die frühe Neigung zum Kupferstich, und an ihm
zunächst gebildet, behielten sie auch im Malwerk einen speziell
zeichnerischen Charakter. Es war die Richtung, die das germa—
nische Genie verlangte; neben Dürer hat niemand auf die
gleichzeitigen und späteren deutschen Künstler größeren Einfluß
ausgeübt, als Schongauer.
Lamprecht, Deutsche Geschichte V.
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