Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 179 
schichte der deutschen Bildnerei charakteristische Daten: die 
Plastik folgte im 15. Jahrhundert im ganzen der tieferen Ent—⸗ 
wicklung der Malerei und hat damit den gleichen Werdegang zum 
Naturalismus durchgemacht. Nur daß sie länger gebunden blieb; 
noch bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts dauert in gewissem 
Sinne der schon teilweis gebrochene Konventionalismus der 
Gotik; ein vertikaler Zug, das Übergewicht der Gewandung über 
die Modellierung des Körpers und die Knitterung aller Horizon⸗ 
talen namentlich im Faltenwurf beeinflussen noch die Gestaltung. 
Dann wird die Plastik befreit sowohl durch die Wandlung 
des gotischen Stils zur Freiräumigkeit und zum Flamboyant, 
wie durch den Einfluß des vorwärts strebenden malerischen Na— 
turalismus. Sie löst sich von der Architektur, sie verändert auch 
teilweise das Material, indem anfangs in den Niederlanden am 
Niederrhein und in den deutschen Kolonialländern, bald aber 
auch sonst die Holzskulptur an Stelle der Steinbildnerei in den 
Vordergrund tritt, und sie folgt mit besonderer Virtuosität den 
soeben gefundenen malerischen Gesetzen!. 
An dieStelle der statuarischen Einzelplastik der hochgotischen 
Zeit tritt damit die nun aufs stärkste betonte Scenenbildung, 
und die Scenen werden schon früh, auch bei Darstellung 
heiliger Vorgänge, ins Genrehafte erweitert. Vor allem aber 
wird das Studium der Natur bis in die kleinsten Einzelheiten 
mit großem Ernste aufgenommen, und unter seiner Einwirkung 
wächst das Verständnis des Nackten an Kopf, Händen und 
Füßen, während freilich das anatomische Verständnis und 
die Gesamtkenntnis des menschlichen Körpers noch äußerst 
gering bleibt. Um so mehr werden die Kundgebungen der 
inneren Bewegung des Menschen studiert und bemeistert, das 
Dramatische der Gesten, das Mienenspiel des empfindenden 
Angesichts. Bald wird nach dieser Seite hin das Leben mit 
größter Treue wiedergegeben, vor allem in seinen weichen, 
innigen Stimmungen, während das leidenschaftliche Pathos 
leicht zu barbarisch genommen wird. Am besten gelingen 
Vgl. hierzu schon Band IV Buch XII Kap. 3 Nr. IV. 
12 *
	        
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