Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Einleitung. 
zewiß: mit dem Augenblicke, da die Erscheinungen der Geld— 
wirtschaft sozial deutlich zu Tage treten, setzt auch eine geistige 
Entwicklung ein, die zum Individualismus des 16. bis 17. 
Jahrhunderts hinüberleitet. Auf dem Gebiete der Kunst wie 
der Litteratur und der Wissenschaften, im Kreise der ästhetischen 
wie der intellektuellen Bethätigung verschieben sich die Interessen; 
das Bestreben nach naturalistischer Beherrschung der Außenwelt 
tritt auf; die Malerei erreicht den im einzelnen unübertroffenen 
Realismus der van Eycks und ihrer Nachfolger bis zum Schluß 
des 15. Jahrhunderts; die Litteratur nähert sich der persön⸗ 
lichen Charakteristik in den ersten Formen der Satire und des 
Dramas, und die Wissenschaft sucht die realen, geschichtlichen 
geographischen Probleme und befreit sich langsam von der 
Herrschaft der Scholastik eines Thomas und Bonaventura. 
Gestärkt wird diese eigenständige Bewegung durch die 
zroßen Strömungen der Renaissance und des Humanismus. 
In ihnen ergreift der deutsche Geist ohne weiteres oder durch 
italienische Vermittlung, was immer von der Entwicklung 
namentlich des römischen Altertums ihm dienlich erscheint für 
die Förderung der eigenen, in verwandten Bahnen verlaufen⸗ 
den Geschichte; und unmittelbar vor allem wirken die klassischen 
Autoren wie die Denkmäler antiker und antikisierender Kunst 
als erziehende Mächte höherer Bildung. 
Indes gesichert für immer wird diese Bildung erst durch 
das wichtigste, nationalste Ereignis dieses Zeitalters, durch die 
Reformation. Luther ist es, der dem Individualismus auf 
dem tiefsten Gebiete des Geisteslebens, auf dem religiös— 
ohilosophischen, freie Bahn bricht, indem er die Einzelperson 
unmittelbar, ohne die Dazwis chenkunft irgendwelcher Sakraments⸗ 
anstalt, dem göttlichen Prinzip gegenüberstellt; indem er die 
Erfüllung bringt des schwermütigen Gebets des heiligen Augustin: 
Dic animae meae, salus tua ego sum, dessen Gewähr 
die mittelalterliche Kirche trotz ihres unablässig vergrößerten 
religiös-kirchlichen Apparates nicht hatte finden können. Und 
mehr. Indem Luther den Wust kirchlicher Überlieferung kühn 
beiseite schob und nur auf das reine Evangelium selbst zurück—
	        
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