Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 191
wurde, daß die Universität seit etroa dem Jahre 1517 dem
Humanismus gewonnen schien.
In Mutians Eingreifen tritt neben der Beeinflussung des
Lehrgangs der Universität ein weiteres Moment hervor: die
Beeinflussung gleichgesinnter Genossen und deren Verbindung
zu geistigem, litterarischem Austausch. Es ist der Gedanke der
gelehrten Gesellschaft, der Akademie. Er hatte inzwischen schon
in Süddeutschland sowohl im Westen wie im Osten feste Formen
gewonnen. In Wien war unter dem Schutze Kaiser Maximilians
um 1500 die Sodalitas litteraria Danubiana, in Heidelberg
unter dem des Pfalzgrafen Philipp und des Wormser Bischofs
Johann Dalberg die Sodalitas litteraria Rhenana entstanden.
Beide setzten schon eine weite Verbreitung des Humanismus
voraus, zumal neben ihnen noch kleinere Vereinigungen zu
Basel, Schlettstadt und Ingolstadt bestanden. In der That war
gegen Anfang des neuen Jahrhunderts aus der Thätigkeit der
Gelehrtenschulen wie der Universitäten schon eine reiche Fülle
humanistisch gebildeter Männer hervorgegangen, die wissenschaft—
liche Thätigkeit trieben und begünstigten; ein Boden weitver—
zweigter Studien und Interessen war bestellt; es bedurfte ge—
wisser Treffpunkte, gewisser Stätten zur Bildung einer öffent⸗
lichen Meinung über gegenseitigen Austausch und persönliche
Errungenschaften: ein gelehrtes Leben war erwacht.
Nicht zum geringsten fand dieses gelehrte Treiben eine
Heimat unter den Patriziern der deutschen Städte. Neben den
Humanisten von Beruf traten jetzt diese abgeklärten und doch
geistig regsamen Köpfe stärker in die Bewegung ein, an ihrer
Spitze in Straßburg der theologisch gebildete Peter Schott, in
Augsburg Conrad Peutinger, der Staatsmann und Historiker,
der einen Liber augustalis, eine umfassende deutsche Kaiser—
geschichte, plante, in Nürnberg der Arzt Hartmann Schedel,
Verfasser einer volkstümlichen Weltchronik, vor allem aber
Willibald Pirkheimer, thätig als kaiserlicher Kriegshauptmann