194 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
im Jahre 1501 gedruckt worden ist; es war die in Erfurt
erschienene Eicayν ιοσ σν yιιιν Bnπν. Uber
diesen Stand der Dinge führte erst Erasmus hinaus. Er
kannte das Griechische durch und durch, er wußte es fein ins
Lateinische zu übersetzen, er legte die kritischen Grundlagen für
die Textgestaltung einer großen Anzahl von Autoren, darunter
auch des 1516 zu Basel mit lateinischer Übersetzung gedruckten
Neuen Testaments; er erklärte ihre Texte mit genialer Sicher—
heit. So that erst er die Pforten zum Studium des Griechischen
wirklich auf; und die Reformatoren, die seine Weltanschauung
mißbilligten und überwanden, haben auf diesem Gebiete seine
Errungenschaften übernommen und weitergebildet.
Was Erasmus für das Griechische geleistet hat, das er—⸗
reichte für das Hebräische Reuchlin (f 1522). Reuchlin, der
von Beruf Jurist war, ist der Sprache erst auf einem Umweg
nahegetreten, durch sein Studium der Kabbalah, der in nach—
biblischer Zeit entstandenen jüdischen Geheimlehre. Denn, ein
echter Gelehrter im Sinne des 14. und 158. Jahrhunderts,
nahm er vor allem an der Sache, weniger aber an der Form
Anteil, nüchtern, objektiv, Kleinstes und Größtes gleich be—
herrschend, alles andere denn ein Schriftsteller des Tages.
Nachdem er aber einmal sich für Bau und Wortschatz des
Hebräischen zu erwärmen begonnen hatte, hat er, gestützt auf
die Werke des bedeutendsten mittelalterlichen jüdischen Lexiko—
graphen und Grammatikers David Kimchi den deutschen Zeit—
genossen die Geheimnisse der fremden Sprache erschlossen.
Die Ergebnisse dieser Studien veröffentlichte er in seinen
Rudimenta hebraica (1506) und in dem Werke De accen-
tibus et orthographia linguae hebraicae (1818).
So trat neben die Kenntnis des Griechischen die des
Hebräischen; die humanistischen Studien waren in wissenschaft—
liches Fahrwasser gelenkt trotz alles wilden Wirbels der vagie—
renden Enthusiasten; es schien, als sollten die Ergebnisse des
neuen wissenschaftlichen und litterarischen Lebens den theologisch—
scholastischen Betrieb der Wissenschaft kampflos beseitigen.
Da brach der Streit zwischen Alt und Neu, Beharren und