Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

222 J Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
getrübt, blieb bei dem Wesen der Eltern auch später umdüstert. 
Der Vater war ein kurz angebundener, starrsinniger Patriarch; 
die Mutter, von der Martin Gestalt und Antlitz, vielleicht auch 
einige Züge des Charakters ererbt hat, lehrte ihn zwar zu 
Gott und den lieben Heiligen beten, aber aus ihrer Über— 
lieferung stammt auch der verworrene, vielfach mit Bergmanns— 
sagen durchsetzte Dämonenglaube, dessen graue Schatten den 
Reformator zeitlebens verfolgt haben. Und beide Eltern waren 
zu härtester Zucht geneigt; oft erhielt der kleine Martin um 
geringfügiger Dinge willen Schläge, auch von der Mutter, die 
dem Knaben gegenüber in keiner Weise die Rolle etwa der 
Frau Rat Goethe gespielt hat, deren Gatte dem Vater 
Luthers in vieler Hinsicht ähnelte. 
Zur herben Zucht des Hauses trat früh ein verkehrter und 
pedantischer Unterricht; Martin konnte noch nicht laufen, als 
er schon zur Schule gebracht ward. Schläge waren auch hier die 
Würze des Daseins; aus persönlichen Erfahrungen hat Luther 
später einmal geäußert: vor Zeiten ward die Jugend allzuhart 
gezogen, daß man sie in der Schule Märtyrer geheißen hat; 
er ist einmal an einem Schulmorgen fünfzehnmal hintereinander 
gestrichen worden. Im Jahre 1497 vertauschte Martin die 
Mansfelder Schule mit einer Magdeburger; der Vater wollte 
hoch mit ihm hinaus; er sollte ein Gelehrter, ein Jurist werden. 
Von Magdeburg kam der Knabe bald darauf nach Eisenach, 
vielleicht des leichteren Unterhalts willen; jedenfalls hatte er 
hier sein Brot teilweis singend um Gottes willen zu verdienen. 
Dennoch fielen jetzt die ersten Lichtstrahlen wärmeren Lebens 
in das verstörte Gemüt des Häuersohns; er kam in Be— 
ziehungen zu dem Hause des Kaufmanns Cotta, und dessen 
Frau Ursula nahm sich des Verlassenen an. Niemals hat 
Luther diese Wohlthat vergessen; dankbar hat er später das 
Haus gefördert, wie er nur immer vermochte, und gern citierte 
er vor den Gesellen seines Wittenberger Tisches das wohlige Wort 
der Frau: „Es ist kein lieber Ding auf Erden, denn Frauen— 
liebe, wem sie kann zu teil werden.“ Zugleich kam Luther
	        
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