256 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.
der europäischen Mächte geschaffen. Er hatte England ge⸗
wonnen, er gewann die Kurie. Freilich wäre dem Papste
Leo X. die Wahl eines minder mächtigen deutschen Reichs⸗
fürsten am liebsten gewesen; allein hatte er zwischen Franz
von Frankreich und Karl von Burgund von Spanien und von
Neapel zu wählen, so schien ihm doch auf die Dauer wohl
derjenige der beiden Kandidaten vorzuziehen, der nicht in der
Verbindung Neapels und Deutschlands ohne weiteres die alte
staufische, der Kurie so gefährliche Machtgruppierung wieder
herbeiführen würde; zudem aber und vor allem zogen ihn seine
medicäischen Hausinteressen auf die Seite Franzens.
Während dieser Lage der Dinge starb Kaiser Max. Damit
ward die Wahl dringlich, und das Aktionsfeld verschob sich von den
Gebieten der internationalen Politik mehr auf Deutschland be—
sonders: es galt, die Kurfürsten zu gewinnen. Auch hier war Franz
zunächst unleugbar im Vorteil. Er besaß die Geldmittel zur üb⸗
lichen Bestechung, er war dem Reiche nahe, während Karl fern in
Spanien saß und jene Not materieller Mittel litt, die den Be—
herrscher so vieler Reiche auch später niemals verlassen hat.
Aber allmählich änderte sich die Lage. Karl wußte England
von Frankreich zu trennen. Englands König trat, wenn auch nur
verschämt, selbst als Bewerber auf: die Vermehrung der Kandi⸗
daten mußte dem bisher schwächeren der beiden Nebenbuhler zu
gute kommen. Indes die entscheidende Wendung kam diesmal
mehr, wie vielleicht bei irgend einer Kaiserwahl der späteren Zeit,
von Deutschland, von der Nation selber. Dem Volke war Karl
der Enkel des geliebten Kaisers Max, selbstverständlich also min—
destens ein halber Deutscher: Franz dagegen der Herrscher des
übermütigen, nachbarlich unruhigen Fremdlands. Den Fürsten
zeigten sich die deutschen Unterhändler Karls entgegenkommend,
vertraut namentlich auch mit den Bestrebungen nach landes—
herrlicher Freiheit. Die Franzosen dagegen traten ruhmredig
auf und verletzend; in cynischer Weise glaubten sie die Krone
kaufen zu können und vermieden den herkömmlichen, ehrbar
dreinschauenden Nimbus der geheimen Bestechung.
So kam der Tag der Wahl heran. Er führte die Kur—