Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

258 Fünfzehntes Buch. Erstes Kapitel.

Adel, politische und litterarische Gewalten der Welt ihren
Willen sollten zu setzen vermögen.
Diese Stimmungen wurden laut in dem Augenblicke, da
Luthers Wege sich von denen der alten Kirche trennten, da
dem Reformator der Begriff der Nation völlig aufging aus
tausend und abertausend Außerungen der Zustimmung zu seinem
Thun, wie aus der Verbreitung seiner Schriften über All—
deutschland, da der Lärm der politischen Ereignisse laut in
seine Zelle drang. Sie konnten nur eine Wirkung üben: der
Mönch, der die Institutionen der alten Kirche von sich abge—
ttreift hatte, mußte mit seinen Absichten Schutz suchen bei den
nationalen, den politischen Gewalten. Nicht mehr mit Hülfe
der kirchlichen Institutionen allein, die ihre Kraft versagt
hatten, war die Kurie zu bekämpfen und die neue Frömmigkeit
zu stützen; rettend, fördernd, aufbauend hatten die weltlichen Ge⸗
walten, hatten Kaiser und Reich, Adel und Fürsten einzutreten,
auf daß die Berufung eines heiligen, rechten, freien Kon—
ziliums zur Reformation der hülflos gewordenen Kirche wahr
werde. So, auf gleichsam sekundärem Wege, ward Luther
national; auch jetzt noch war sein Denken in erster Linie durchaus
religiös und kirchlich; aber die Vollziehung seiner Anschau—
ungen sah er als möglich an nur noch auf zunächst nationalem
Gebiete und durch nationale Mittel.
Doch war er einstweilen noch weit davon entfernt, die
in diesem Zusammenhange ruhenden Gedanken zu Ende zu
denken. Ihn beschäftigte zunächst nur die Sorge um sich und
die Seelen seiner Gemeinde; auch jetzt ward er erst von außen
her weitergetrieben. Seine Gegner griffen ihn an: er ant—
wortete mit triumphierender Derbheit. Die Humanisten standen
teilweis für ihn auf; der deutsche Adel näherte sich ihm;
Hutten, Humanist und Edelmann zugleich, schrieb seine beißenden
Satiren: Luther mußte vorwärts schauen und nicht hinterwärts.
Und schon war weithin sichtbar an seine Seite der
Humanist getreten, der unbefangener, weil nicht durch tiefste
religiöse Lebenserfahrungen gebunden, und kühner, weil halb
unbewußt, die Konsequenzen lutherischer Anschauungen zog:
            
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