Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

292 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Luther ist nicht der erste Übersetzer des Neuen Testaments 
und der Bibel überhaupt gewesen; weit über ein Dutzend 
anderer Übertragungen sind vor der seinigen entstanden. Aber 
Kinder großenteils der mystischen Bewegung des späteren 
Mittelalters, redeten sie eine Sprache, deren Laute und Begriffe 
schon das 16. Jahrhundert teilweis zu verstehen Mühe hatte; 
und der Vulgata nachgebildet, gaben sie besonders für das 
Neue Testament nicht den reinen Text des Evangeliums, wie 
ihn Luther aus der griechischen Ausgabe des Erasmus schöpfte. 
Vor allem aber waren sie ungeschickt und erfaßten das Wort 
mehr als den Sinn. Luthers Bibel dagegen hat man mit 
Recht mehr als eine Umgießung der h. Schrift ins Deutsche!, 
denn als Übersetzung bezeichnet. 
Zudem: wer hatte die Bibel im 15. Jahrhundert kaufen 
können! Luthers Testament kostete anderthalb Gulden; hier wie 
sonst hat Luther jedes schriftstellerische Honorar verschmäht. Und 
das äußere Moment leichter Verbreitung wurde nicht wenig 
durch ein anderes unterstützt. Luthers Familie stammte aus 
den südlicheren Gegenden Mitteldeutschlands; er selbst war an 
den Grenzen des Mittel- und Niederdeutschen erwachsen und 
lebte in Wittenberg, an der Scheide der Dialekte des kolonialen 
Ostens und des westlichen Mutterlands. So konnte seine 
Zunge an sich schon nicht mehr völlig dialektisch gebunden sein. 
Wie aber mußte dieser Umstand veredelnd und abschleifend 
wirken auf einen Mann, der, mit natürlichem Interesse an der 
Sprache begabt, des Wortes mächtig war, wie fast kein 
Deutscher vor und nach ihm, der zudem musikalisch fühlte und 
den Rhythmen der Sprache nicht minder lauschte, wie denen 
der Töne! 
Das ist die persönliche Aussteuer, die Luther in eine sprach— 
liche Bewegung einbrachte, deren Verlauf an sich schon zur 
Entwicklung einer gemeinsamen deutschen Schriftsprache hätte 
führen müssen. Mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft seit 
den Tagen der Staufer war der Verkehr unter den deutschen 
1 Kolde, Luther 2, 62.
	        
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