144 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Marius )Nizolius.
Gehalts aus den Besonderheiten des Wahrnehmung, wie sie durch
die Scholastik gelehrt und behauptet wird, ist schlechthin unbe-
greiflich. Die Wirksamkeit des „tätigen Intellekts‘“, auf die man
sich hier zu berufen pflegt, kann nur von den Daten der Wahr-
nehmung selbst ausgehen und sich an ihnen vollziehen; wie ver-
möchte aber eine solche formende Tätigkeit den Gehalt des
Grundstoffs selbst zu ändern und die Erscheinung in ein
absolutes Sein zu verwandeln? So zeigt sich von den fest-
stehenden Voraussetzungen der Arisiotelischen Psychologie aus
kein Weg, auf dem auch nur der Gedanke und das Scheinbild
der absoluten Substanz in die Seele hineingelangen könnte. „Ja
selbst wenn man zugibt, dass der Sinn uns eine Vorstellung der
Substanz zu liefern vermag, die der Verstand alsdann seiner
spekulativen Betrachtung zu Grunde legt, so bleibt hier noch
ein Problem, verwickelter als der Gordische Knoten, zurück.
Denn die unmittelbare Vorstellung selbst und das, was der
Intellekt unter ihr begreift, fallen alsdann völlig auseinander
und sind nicht nur subjektiv, nach der Art und Auffassung der
Erkenninis, sondern innerlich und sachlich verschieden. Sagt
man hingegen, dass die sinnliche Vorstellung des Accidens, wenn
sie vom Licht der tätigen Vernunft erleuchtet werde, dem Geist
die intelligible Substanz symbolisch darstelle, wie die Wirkung
ihre Ursache repräsentiert: so folgt hieraus der Widersinn, dass
eine mangelhafte und inadaequate Wirkung das volle und eigent-
liche Sein der Ursache zum Ausdruck bringen und vertreten soll.
Denn weder ein einzelnes sinnliches Accidens, noch eine Mehrheit
solcher Accidentien können doch, selbst wenn wir sie unter einem
einzigen Begriffe zusammendenken, mit der Substanz gleichbe-
deutend und gleichwertig sein und für ihr specifisches Sein und
ihre ursprüngliche, eigentümliche Beschaffenheit einstehen.‘“ 72)
So scheiden sich scharf und unzweideutig das sensualistische und
das realistische Motiv des Arislotelischen Systems, die in der
Erkenntnislehre der Scholastik unbefangen neben einander ge-
duldet und mit einander verschmolzen waren. (Vgl. ob. S. 82f.)
Fortan muss alle Vernunftbetätigung, die an dem Stoff der
Empfindung geübt wird, sich bescheiden, die Erscheinung
selbst zu immer reinerem geistigen Ausdruck und Verständnis
zu bringen. —