Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 345
die Möglichkeit ins Auge, daß die Bauern vereint mit Adel
und Städten gegen die Fürsten vorgehen, daß sie eine große
kaiserliche Centralgewalt schaffen, die ausgestattet sein soll mit
den Erträgen des säkularisierten Kirchengutes und direkter
Steuern des Volkes. Und unter dieser Gewalt sieht es nicht
mehr die Fürsten stehen, sondern nur noch Beamte; eine einheitliche
Regierung der fürstenlosen Nation ist das Ziel. Doch soll das
Volk nicht der geschichtlich hergebrachten Standeseinteilung ver—
lustig gehen; im Rechtsleben soll sie fortdauern; in die einheit—
liche Gliederung der Gerichtsverfassung von den Lokalgerichten
hinauf bis zum Kammergericht soll sie dadurch hineinragen, daß
diese Gerichte durch Schöffen verschiedenen Standes besetzt werden.
Einheitlich dagegen und sozial unabgestuft sollen alle Voraus—
— DDD——
Maß und Gewicht; keine Zölle, kein Geleits- und Wegegeld;
für jeden die gleiche Freiheit des Verkehrs und des Zuges.
Auf kirchlichem Gebiete endlich soll die Verfassung möglichst
ihren Abschluß in der Ausgestaltung des Gemeindelebens finden;
dann wird die Trennung von Staat und Kirche leicht sein und
selbstverständlich.
Es ist ein wohldurchdachtes Programm staatlicher und
kirchlicher Umwälzungen, die reifste Frucht der Ideenbewegung
der bäuerlichen wie der ritterlichen Revolution in den zwanziger
Jahren des 16. Jahrhunderts. Aber war es noch durchführ—
bar in dem Augenblick, da die fränkischen Bauern es an ihre
Fahne hefteten?
Schon längst hatte sich die Fürstengewalt in voller Einheit
ihrer Vertreter, schon längst hatte sich neben ihr auch der große
Führer der deutschen Reformation gegen die bäuerliche Revolution
erhoben.
*
Luther ist der bäuerlichen Revolution zum erstenmale
näher getreten in seiner Schrift „Ermahnung zum Frieden auf
die Zwölf Artikel,“ die zwischen dem 17. und 20. April 1525
erschienen ist. Er stellt sich hier, was die äußere Seite der