Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 351 
die sich als kleine Landesherren aufspielten, hatten diesen Eigen— 
dünkel wenigstens teilweis mit der geringeren Möglichkeit wirt⸗ 
schaftlicher Ausbeutung der Unterthanen zu bezahlen. Und am 
Oberrhein, namentlich im Elsaß, in den zähringischen Gebieten 
und in der Pfalz, hatten die Bauern sogar das Glück gehabt, 
teils in gütlicher Verhandlung, teils durch Zwangsandrohung 
einen Teil ihrer Forderungen dauernd gewährt zu sehn. 
Überhaupt aber ging die Meinung der Fürsten, der Sieger 
im Aufstand, nicht so sehr auf soziale Knechtung der Unter— 
worfenen, als auf die politische Ausbeutung ihrer Erfolge im 
Sinne einer Befestigung der territorialen Gewalten. Und von 
diesem Standpunkte brauchten sie sich keineswegs unmittelbar 
ablehnend zu verhalten gegen soziale Reformvorschläge zu 
Gunsten der Bauern. In der That brachte der Speierer Reichs⸗ 
tag vom Jahre 18526 deren eine beträchtliche Menge; eine 
Denkschrift schlug als notwendig vor: die Ablösung der Leib— 
eigenschaft und einstweilen wenigstens die freie Heiratswahl 
der Leibeigenen, ferner die Ermäßigung der Fronden, Abgaben 
und Frevelgelder, wie eine Anzahl anderer Erleichterungen. 
Nun wurden diese Vorschläge zwar nicht Gesetz; immerhin 
aber zeigten sie, daß man sich der sozialen Pflichten gegenüber 
dem Bauernstand nicht völlig unbewußt war, auch bildeten sie 
— DD0— 
Freilich: die tiefer liegenden Fäulnis- und Verwesungsmomente 
der bäuerlichen Entwicklung wären auch bei ihrer emsigsten 
Durchführung nicht beseitigt worden; hier konnte nur ein voll⸗ 
kommner Einsturz der agrarisch-⸗grundherrlichen und ein Neubau 
der agrarisch-autonomen Verfassung helfen, wie sie erst das 
19. Jahrhundert erlebt hat. 
Hier aber einzugreifen, lag dem 16. Jahrhundert, lag 
namentlich auch den fürstlichen Siegern dieser Zeit nach der 
ganzen Konstruktion ihrer Territorialgewalten fern. Nicht so 
sehr dem Bauer, als dem Edelmann gegenüber hatten sie ihren 
Sieg auszunutzen: er konnte jetzt fürstlicher Macht untergeordnet 
werden. Denn wo waren jetzt die großen Pläne eines Hutten 
geblieben! Der Adel war jetzt kein selbständiger, bewegender
	        
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