352 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Stand im Reiche mehr; er war den Territorien zugewiesen;
seine materiellen und sozialen Interessen verfielen infolge der
Besiegung seiner Unterthanen durch fürstliche Heere der oberen
Aufsicht und der Obhut der Fursten. So konnte er nicht um⸗
hin, sich selbst den Territorien einzuordnen, soweit er noch
ferner politische und soziale Bedeutung beanspruchte; die reichs⸗
unmittelbare Ritterschaft aber trat völlig in den Hintergrund:
ein leblos werdendes Glied der Entwicklung starb und verdarb
ie auf ihren Gütern.
Während so die soziale Bewegung der zwanziger Jahre
in sehr eigenartiger Weise zu Gunsten der Fürsten verlief, in⸗
dem sie den Adel, nachdem er vergebens auf revolutionärem
Wege eine politische Stellung im Reiche gesucht hatte, schließ⸗
lich durch den Bauernkrieg unter die Territorialgewalten beugte,
begann gleichzeitig auch die schwärmerische Bewequng zu Grunde
zu gehen.
Bauernaufruhr und Schwärmertum waren, wenn auch
keineswegs völlig parallele, so doch vielfach verwandte und in
zegenseitigen Beziehungen stehende Bewegungen. In beiden
verkörperte fich ein mittelalterliches und ein modernes Element;
ttrebten die Bauern einerseits rückwärts in die vergangenen
Zeiten eines agrarischen Sozialismus, während sie sich andrer⸗
seits den modernen Bestrebungen auf wirtschaftlichem wie poli⸗
tischem Gebiete einzuordnen suchten, so weist das Schwärmertum
mit seinem mittelalterlichen Ideal christlicher Vollkommenheit
und dem Streben nach subjektiver, modernster Freiheit einen
verwandten Gegensatz auf. Vor allem aber hatten sich beide
Bewegungen praktisch zusammengefunden; es war kein Zweifel,
daß nicht bloß der mitteldeutsche, sondern auch der oberdeutsche
Bauernaufstand von religiös-schwärmerischen Ideen getragen
war. Das hatte Luther, der seit dem Jahre 1524 seine alte
Toleranz gegen die Schwärmer aufgegeben hatte, zum Kampfe
gegen die Bauern veranlaßt; das veranlaßte jetzt wiederum die
Fürsten, nach Beendigung des Bauernkrieges, zur Ausrottung