Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 353
der schwärmerischen Sekten. Und hatten sie hierbei nicht auch
eigenste Interessen? War der mitteldeutsche theokratische Kom—
munismus, war die staatliche Indifferenz der süddeutschen
Schwärmer nicht auch politisch gefährlich? Und konnte jetzt
nicht die ganze schwärmerische Bewegung als eine Resterscheinung
des Bauernkrieges betrachtet werden? Ja mehr: indem eben
nach dem Ende der bäuerlichen Unruhen das Schwärmertum
in Oberdeutschland mächtig um sich griff, während es in
Thüringen freilich erstorben war, schien sich ein neuer geistiger
Herd kommender sozialer Bewegungen bilden zu wollen.
Zwingli hatte Ende Januar 15251 die Schwärmer aus
Zürich entfernen lassen. Aber es hatte sich bald gezeigt, daß
diese Maßregel nicht genügte. Im Sommer 1525, eben nach
Beseitigung der letzten Bauernunruhen in Oberdeutschland,
wurden die schwärmerischen Elemente auch aus den übrigen
Hauptorten der schweizerischen Kirche vertrieben, aus St. Gallen,
aus Chur, aus Schaffhausen und Bern. Ihre Führer gingen
nun vornehmlich nach Augsburg und Ulm, nach schwäbisch
Rotenburg, nach Reutlingen, nach Eßlingen, nach Straßburg:
ganz Oberdeutschland füllte sich mit ihrer Propaganda. Und
beinahe gleichzeitig mit ihnen erschienen einige bessere Köpfe,
welche der Unterdrückung des thüringischen Schwärmertums
entronnen waren, der Pfarrer Melchior Rinck und der noch
wichtigere, als Agitator unermüdliche Buchführer Hans Hut,
ein Franke, der im ganzen mittleren Oberdeutschland zu Hause
war. Überall sproßten unter dieser doppelten Einwirkung die
oberdeutschen Täufergemeinden kräftig empor, namentlich in
Straßburg, wo ihnen eine weitherzige Toleranz zu teil ward,
und in Augsburg, wo unter dem Wirken Dencks auch Mit—
glieder der Geschlechter zum Schwärmertum übertraten und
dieses „um sich griff, wie ein Krebs, zu vieler Seelen jämmer—
lichem Schaden“.
Es war eine verheißungsvolle Entwicklung. Aber furcht—
bhar, in schrecklicheren Blutthaten, als sie der Bauernkrieg
1S. oben S. 320.
damprecht, Deutsche Geichichte V.