Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

550 Sechzehntes Buch. Zweites NKapitel. 
hier seine Idee eines evangelischen Gottesstaates verwirklicht, 
unbeugsam, in starrer Feindschaft gegen den Papismus, in 
Kampf mit Fleisch und Blut seiner Anhänger, ohne Umschauen 
und ohne Duldung, bis das ihm vorschwebende Ziel erreicht 
schien. 
Und schon früh hatte er, im Jahre 1535, sein Institutio 
christianas religionis, ein Programm gleichsam späteren Han⸗ 
delns, erscheinen lassen. Wie er in ihrer Diktion die Sprache gewalt⸗ 
sam gemeistert hat, so unterwarf er in ihrem Inhalt die Gedanken 
Zwinglis seiner klärenden, reinigenden, freilich auch verflachenden 
Herrschaft. Von den großen Elementen des Zwinglischen 
Systems wurde abgestreift, was gefühlstief einen künftigen 
Panentheismus allzu klärlich andeutete; in den Vordergrund 
traten dafür die großen religiösen Themata vom absoluten 
Machtwirken Gottes, von der Gnadenwahl und von der Ein— 
wohnung Gottes in seiner Gemeinde als einem Körper der Er— 
wählten. Es waren Motive, welche die Anhänger Calvins 
mit dem äußersten Fanatismus religiösen Handelns, namentlich 
auch auf dem Wege der Propaganda, zu erfüllen geeignet 
schienen: da sie sich nicht mehr selbst gehörten, sondern in der 
Gnadenwahl teil geworden waren des Herrn, so kannten sie nur 
den einen Zweck, in unermeßlicher Hebung des Selbstgefühls 
Gottes Zwecke, die Zwecke eines eifernden Gottes alttesta⸗ 
mentlichen Charakters zu erfüllen. 
Nun fand allerdings weder die Genfer Kirche, die savoische 
Gesandte vor Papst Sixtus V. einmal eine caverna dei furie in- 
fernali, ein asilo e refugio del diavolo genannt haben, auf 
niederländischem Boden unmittelbare Nachahmung, noch auch 
entsprach die Lehre von der absoluten Vorherbestimmung dem 
germanischen Genius. Immerhin aber setzten sich mit der Ein— 
wanderung von Anhängern Calvins, namentlich mit der Ankunft 
fanatischer Vertriebener, einzelne Keime der neuen Lehre früh 
genug fest, und ein Geist feindseligeren Vorgehens gegen das 
Bestehende überkam die von ihnen beeinflußten Lande. 
Und diese Feindschaft erhielt alsbald auch politischen 
Charakter. Das Luthertum hatte sich jeder Obrigkeit passiv
	        
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