Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

Niederländischer Aufstand; Gründung der nordniederl. Republik. 605 
Moritz durch eine Diversion am Rhein von seinem Ziele abzu— 
bringen, vergebens verwüstetete er Brabant, vergebens auch 
machte er im Jahre 1604 einen unmittelbaren Entsetzungsver— 
such: am 20. September 1604 kapitulierte die Stadt und 
ging in den Besitz der Erzherzöge über. Und nun wälzte sich 
das freigewordene Belagerungsheer unter der Führung des 
trefflichen Generals Spinola der Maas und dem Rhein zu; 
mit Mühe nur hielt es Moritz in den Gegenden der heutigen 
deutsch-holländischen Grenze auf; wären die spanischen Kriegs— 
kassen gefüllt gewesen, so hätte man einen neuen Einfall in 
das Herz der Republik zu erwarten gehabt. 
Allein eben an der materiellen Kraft, die kriegerischen 
Erfolge nachhaltig zu gestalten, fehlte es Albrecht. Und bei 
dieser Lage war nicht zu ermessen, wie der Krieg anders denn 
durch einen Vergleich oder wenigstens durch einen längeren 
Waffenstillstand beendet werden sollte. Die Einsicht dieser Zu— 
sammenhänge war es, die sich jetzt beiden Seiten aufdrängte. 
Dazu kamen noch besondere Anlässe friedlicher Stimmung. 
In Spanien konnte man sich nach dem niederländischen Vorgang 
Oldenbarnevelds nicht bloß berechnen, daß der bisher durch vier 
Jahrzehnte geführte Krieg etwa 200 Millionen Dukaten und 
300 000 Soldaten verschlungen hatte, man sah auch den hollän⸗ 
dischen Handel bis zu dem Grade Fortschritte machen, daß die 
Freiheit der spanisch-westindischen Kolonien und die Sicherheit 
der Silberflotten immer mehr bedroht schien. In den Provinzen 
der Generalstaaten aber seufzte man trotz alles materiellen 
Aufschwungs doch auch über die Kriegskosten; das Geschlecht 
der alten Geusen war dahin gesunken, und kaufmännisch 
denkende Männer schätzten jetzt den Sport des Unabhängigkeits— 
kampfes mit seinem Defizit von 9 Millionen Gulden in der 
Kriegskasse weniger hoch, als die friedlich zu erhoffende Aus— 
beutung Ostindiens. Endlich war für die niederländischen 
Staatsmänner die Gefährlichkeit der internationalen Lage un— 
verkennbar. Am 24. März 1603 war Königin Elisabeth von 
England gestorben, trotz aller Zähigkeit in der Verfolgung des 
eignen Vorteils doch immer noch eine von alten Zeiten her gleich
	        
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