534 Einundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
die sich duckten und nicht dem Gefühl geschichtlich vererbter
Pflichten gehorchten. Daher verlor sich in den Ständen die
Größe der Auffassung, von der die Opposition des 16. Jahr⸗
hunderts getragen gewesen war: Müdigkeit und Engherzigkeit
harakterisierten ein neues Tun, das immer mehr durch den
engsten Kreis eigener Interessen begrenzt wurde.
Fristeten die Stände gleichwohl noch lange Zeit ein wenn
auch ziemlich im Dunkel verlaufendes Leben, so war die Ur—
sache hierfür mehr in landesfürstlichen Bedürfnissen, als im
Drange eigener Daseinsfülle zu suchen. Es dauerte eine gewisse
Zeit, ehe die fürstliche Verwaltung die ständische aufgesogen
hatte, und die Fürsten bedurften der Stände zur Steuer—
bewilligung.
Zwar griffen sie auch hier schon im 17. Jahrhundert
vielfach über die „Landesfreiheiten“ hinaus, indem sie von
sich aus vor allem indirekte Steuern, in dringenden Fällen
sogar direkte ausschrieben (so z. B. die Turkensteuer vom Jahre
1682, eine allgemeine Vermögenssteuer für die Gesamtheit der
Erblande nach für alle gleichen Erhebungsgrundsätzen). Aber
im ganzen schoben sie doch noch den Kredit der Stände zwischen
sich und die Länder. Freilich wurde ihnen dabei die jährliche
Vereinbarung der Landesauflagen mit den Ständen auf die
Dauer lästig, und so kam es unter den Kaisern Leopold J. und
Karl VI., und zwar ziemlich genau seit Beginn des 18. Jahr⸗
hunderts, zu den sogenannten Rezessen, Vereinbarungen zwischen
Fürst und Ständen, wonach die Jahresbewilligungen der
Stände von vornherein für eine Reihe von Jahren festgestellt
wurden.
Mit dieser Abschwächung, ja dem Schlußverlaufe nach
faft Zerstörung des Steuerbewilligungsrechtes war nun aber
den Ständen das Herzstück ihrer Macht genommen. Denn
was bedurften sie weiter einer starken Einwirkung auf das
Land durch eine eigene ständische Verwaltung, wenn diese ihrer
Hauptaufgabe, der Steuererhebung und Steuerverwaltung,
entkleidet war? Und schon früher, im unmittelbaren Zusammen⸗
hange mit der Gegenreformation und dieser folgend, hatten die