Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

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Siebzehntes Buch. Zweites Kapitel. 
Mangel an Erfahrung, Enge empirischer Anschauung ist 
im Grunde auch die Ursache des Autoritätsglaubens. Eine 
Zeit mit wenig gesichteter Erfahrung nimmt die Erfahrung 
anderer, höher organisierter Zeiten und Geister mit ehrfurchts⸗ 
vollem Danke auf und unterwirft sich ihr, da sie, eben infolge 
mangelnder Erfahrung, keine Mittel besitzt, sie zu sichten, zu 
kritisieren und zu beherrschen. 
Mythologische Anschauung, Wunderglaube und Autoritäts⸗ 
glaube sind also Sprossen derselben Wurzel, des Denkens im 
Analogieschluß. Indem sie aber zusammenschießen, ermöglichen 
sie auch einer anderen Weltanschauung als nur der natürlichen 
Mythologie das Dasein. Bleibt das Bedürfnis bestehen, die 
Welt der Erscheinungen durch hinter ihnen wirkende Kräfte 
erklärt zu sehen, so kann es jetzt auch durch einen historischen 
Offenbarungsglauben befriedigt werden, wie er auf wunderbaren 
Tatsachen beruht, die mit der Autorität einer großen Tradition 
geschichtlich feststehender Ereignisse von Geschlecht zu Geschlecht 
uͤberliefert werden. Das war der Fall im Mittelalter; unter 
dieser Verknüpfung geistiger Erscheinungen ist den Deutschen 
das Christentum nahegetreten. 
Und diese Verknüpfung ist noch heute keineswegs völlig 
berschwunden, wenn sie auch stark durchbrochen und vielfach 
gelöst ist. Bis zum Ausgang des Mittelalters aber dauerte sie 
m allgemeinen unberührt fort, und frühestens das 16. Jahr— 
hundert hat mit energischeren Angriffen auf sie begonnen. Die 
Geschichte dieser Angriffe ist bis zu gewissem Grade und in 
gewissem Sinne die Geschichte der modernen Wissenschaft. 
Am frühesten fiel da im ganzen wohl der Autoritätsglaube: 
er ließ sich gegenüber der unendlichen Erweiterung der Er⸗ 
fahrung seit dem Zeitalter der Entdeckungen und gegenüber 
der Umformung des Humanismus zu einer philologischen 
Wissenschaft mit ersten Spuren wirklich geschichtlicher An—⸗ 
schauung nicht mehr völlig halten, wenn er auch in feineren 
Schattierungen noch weit mehr, als man zunächst glauben 
möchte, bis in die Gegenwart hineinragt. Die Geschichte seiner 
allmählichen Abnahme ist nicht leicht zu schreiben, ganz be—
	        
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