Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Allgemeiner Charakter des individualistischen Seelenlebens ꝛc. 105 
Man war zwar der Natur so ferngetreten, um sie als außer⸗ 
menschliches Ganzes leidlich zu überschauen, aber der neue 
Standpunkt brachte doch noch nicht die volle, wo möglich gar 
enthusiastische Anerkennung ihrer Eigenart, sondern nur den 
Versuch, sie im Sinne des Besserwissenwollens ästhetisch zu 
meistern. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender als die 
Gartenkunst des 16. bis 18. Jahrhunderts; denn in ihr strebte 
man deutlich danach, sich nicht als Freund, sondern als Herr 
der Natur zu erzeigen. 
Das Mittelalter hatte seine Gewürz⸗, Gemüse- und Obst— 
gärten gehabt. Es hatte zunächst dem Nutzen gelebt, danach 
der Freude am schönen Einzelexemplar einer Pflanze. Und so 
waren neben den Nutzgärten Lilien-, Nelken-, Rosengärten 
emporgeblüht; keine der so häufigen Darstellungen der Ver— 
kündigung Mariens, ohne daß nicht das Zimmer den Schmuck 
eines blühenden Lilienstengels aufwiese. Es war ein Geschmack, 
den man auch in den folgenden Jahrhunderten noch nicht ganz 
verlor; vor allem in den Niederlanden blieb die Blumenpflege 
in diesem Sinne erhalten und warf sich mit Leidenschaft auf 
die Zucht einzelner Gattungen, wie der Tulpen; und die Sträuße 
der gemalten niederländischen Stillleben wurden zu Samm— 
lungen besonders kräftiger, nebeneinander gestellter Einzelexem⸗ 
plare schöner Pflanzen. Aber gerade in den Niederlanden war 
man doch bereits auch weiter gegangen; man begann nicht 
bloß die einzelne Pflanze, man begann auch schon die Natur 
als Ganzes zu meistern. Wie hätte auch der tiefe Zug des 
Zeitalters in dieser Richtung anderswo früher zum Durchbruch 
gelangen sollen als in dem von Menschen geschaffenen Lande 
der Kanäle und Deiche! Hier war man gezwungen gewesen, 
dem reißenden Wachstum der Bevölkerung durch wohlüberlegte 
Stadtanlagen entgegenzukommen; so war neben Oftende und 
dem Haag gegen Ende des 16. Jahrhunderts vor allem Amster⸗ 
dam mit den Baumreihen seiner fünf um die Altstadt herum— 
gelegten Ringe und den sie durchschneidenden Radialstraßen 
angelegt worden, jeder Ring zugleich mit einer Gracht zwischen 
den Häuserzeilen. Dasselbe sorgsame und kluge Meistern des
	        
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