Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 125 
Sakramente als der Hilfsmittel verzückten Schauens noch mit der 
mystischen Erkenntnistheorie verbunden, während anderseits die 
panentheistische Theologie zu den Grundlagen wenigstens einer 
allgemeinen panentheistischen Metaphysik erweitert ist, so sieht 
man doch deutlich noch die Nähte, die Altes und Neues un⸗ 
ausgeglichen zusammenhalten, und die metaphysischen Prinzipien 
sind noch nicht zu einem System erweitert. 
Diese Mängel überwand und damit den Abschluß der ganzen 
theosophischen Naturphilosophie des 16. Jahrhunderts brachte 
Jakob Boehme, 1575 zu Altseidenburg bei Görlitz geboren, als 
Gesell des Schuhmacherhandwerks weit herumgekommen, 1599 
in Görlitz selbständig, gestorben im Jahre 1624. 
In Boehme leben noch einmal all die Tendenzen auf, die 
in der selbständigen Philosophie des 16. Jahrhunderts zu— 
sammenströmen, und finden in ihm zugleich ihren Hauptrichtungen 
nach einen harmonischen Abschluß. Von inniger kirchlicher 
Frömmigkeit, in der Zeit seiner Wanderungen beim brennenden 
Holzspan abendlicher Unterhaltungen noch in die letzten Reste 
mittelalterlicher Mystik und neueren Wiedertäufertums ein— 
geweiht, wie sie unter Handwerkern und Kleinbürgern da und 
dort fortglimmten, voll regen Wissensdranges in jene Bücher 
des Paracelsus und seiner Genossen eindringend, die ihm die 
fremden Ingredienzien des pandynamistischen Naturerkennens 
schon in verarbeiteter Form vermittelten, ist Boehme, einem 
genialen, ihn unablässig vorwärtstreibenden Schaffenstrieb 
folgend, zum letzten wahrhaft großen Theosophen unserer Nation 
geworden und damit zugleich zum ersten neuhochdeutschen 
Klassiker der philosophischen Sprache. Denn er hält sich zwar 
noch nicht in den streugen Schranken einer mit unverbrüchlicher 
Langweiligkeit gebrauchten Terminologie; als ein Dichter und 
ein Prophet vielmehr wählt er seine Worte, wie sie der Geist 
ihm eingibt, oft mit höchstem Schwunge der Phantasie, oft in 
schwerem Ringen mit der sprachhaft zu gestaltenden Idee: aber 
gerade diesem Ringen und diesem Schwunge verdankt unsere 
Sprache, insofern sie Werkzeug höheren Denkens werden sollte, 
einen ungeheuren Reichtum neuer Wortbildungen. Und wechseln
	        
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