Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

182 Siebzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
die Philosophie des heiligen Thomas wiederhergestellt und schon 
annähernd zu jener Geltung erhoben, die sie heute in der 
katholischen Kirche genießt. 
Damit stand, gegenüber dem feindlichen Andringen der 
natürlichen Vernunft, der Katholizismus bei allen Verschieden⸗ 
heiten im einzelnen doch etwa auf derselben Grundlage wie 
das Luthertum. Und so fragte es sich, wie sich die Stellung 
der dritten Kirche, der reformierten, gestalten werde. 
Die reformierte Kirche kannte von vornherein weder den 
entschiedenen Sakramentsglauben noch den festen Dogmatismus 
der beiden anderen Kirchen. Wie das Zwinglische System so 
war das System Calvins fast ohne jede Rücksicht auf philo— 
sophische Lehrmeinungen begründet worden, da es in seiner 
weniger gebundenen Form dieser nicht bedurfte: in einfachem, 
logischem Schluß aus den Gegebenheiten des Alten und Neuen 
Testaments, im Sinne einer späteren biblischen Theologie etwa 
sind die reformierten Dogmen erwachsen: die Philosophie ging 
neben ihnen her, ja erhielt aus der Art, wie sie das Problem der 
Willensfreiheit anfaßten, einen entschiedenen Anstoß zu eignem 
Denken!. So ließ denn die Geistesverfassung der reformierten 
Kirche eher als die der anderen Kirchen das Bestreben zu, das 
Wissen auf sich selbst zu stellen, es zu begreifen und es durch⸗ 
zubilden als eine weder offenbarte noch sonst überlieferte, sondern 
allein und rein in der Natur der Dinge beruhende Sache. 
Dabei war klar, wohin diese verhältnismäßige Freiheit 
unter der allgemeinen geistigen Disposition des Zeitalters führen 
mußte. Den Menschen des 16. Jahrhunderts schon und noch 
mehr denen des 17. Jahrhunderts war Natur der Dinge, was 
mit den Forderungen der Vernunft übereinstimmte; und so 
schien es jetzt nur noch darauf anzukommen, sich an, Stelle der 
alten Offenbarungsanschauungen der Welt vermittelst der Ver— 
nunft zu bemächtigen, um sie in feste Begriffe, gesetzliche 
Normen, plan⸗-, zeit- und raumlose Gleichförmigkeiten ein— 
zuschnüren. 
Siehe dazu schon oben S. 45 ff.
	        
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