Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wissenschaft u. Weltanschauung, Pandynamismus u. Naturalismus. 187 
in die Pforten einer ersten neuen Entwicklungsphase eintraten. 
Fast gleichzeitig mit Grotius und Herbert von Cherbury haben 
Kepler und Galilei die ersten grundlegenden Gesetze der an⸗— 
gewandten und der theoretischen Mechanik geahnt und gefunden: 
in diesen aber wurde die inzwischen umgebildete mathematische 
Methode zur Auffindung und Präzisierung eines neuen Wissens 
wirksam. 
Allein was zunächst um die Mitte des 17. Jahrhunderts 
und schon einige Jahrzehnte früher völlig klar vorlag, das war 
doch nur die Überzeugung, daß menschliche Erkenntnis rein aus 
der Vernunft als dem natürlichen Lichte gewonnen werden 
könne, und die Ansicht, daß der Weg, sie aus dieser Vernunft 
abzuleiten, in der mathematischen Methode vorliege. Es waren 
Errungenschaften, stark genug, um auf sie, bei allem Festhalten 
an den großen Idealen des Christentums: Gott, Freiheit, Un— 
sterblichkeit — Idealen, die für vernunftmäßig beweisbar er—⸗ 
achtet wurden —, den Versuch des Aufbaues selbständiger 
Weltanschauungen zu wagen. 
1. Der erste große Philosoph — und zugleich der erste 
große Mathematiker — dieser Periode ist Descartes gewesen. 
Descartes wurde im Jahre 1596 in der Touraine geboren; er 
war also Franzose. Aber seine wichtigsten Lebensjahre (1617 
bis 1619; 1680—1649: im Jahre 1660 ist er gestorben) 
gehörten fast ganz den Niederlanden an; und die Zwischenzeit 
der Jahre 1619— 1630 hat er wenigstens teilweis im inneren 
Deutschland, teilweis allerdings auch in Frankreich zugebracht. 
Im ganzen darf er etwa mit demselben Rechte Deutschland und 
den Niederlanden zugezählt werden, wie Händel von den Eng— 
ländern als der Ihrige betrachtet wird: die Möglichkeit seines 
philosophischen Denkens war nur in den religiös toleranten 
Niederlauden gegeben, und in den Niederlanden vor allem hat 
er auch bedeutende Schüler und eine machtvolle geistige Be— 
wegung hinterlassen.
	        
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