Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Die darstellenden und die bildenden Künste. 331 
So konnte der Verfall nicht allein technisch und ästhetisch, 
durch Erschöpfung des Kunstprinzips, bedingt sein; er war 
zugleich mit veranlaßt durch den Verfall der Vlamen und 
Holländer selbst. 
Gewiß führte die extreme Ausnutzung der neu gefundenen 
Lichtwirkungen, ohne daß man doch den Weg zur Freilicht- 
malerei fand, zu einer unerhörten Breite des Pinsels, zuletzt 
hier und da zu einer Klex⸗ und Fleckenmanier, die die Malerei 
uͤnter der Voraussetzung künstlicher Belichtung zur Selbst⸗ 
auflösung brachte. Wenn aber die Vorwürfe der Großmalerei 
hinwegfielen oder bombastischen, immerlich leeren Aufträgen 
wichen, so war das nicht minder die Schuld einer verfallenden 
Gefellfchaft. Im Vlamland hatte schon die Mitte des 17. Jahr⸗ 
hunderts, nach kurzem Aufflackern einer künstlichen Erhebung, 
die Konsequenzen des fremden, katholischen Regimentes ge⸗ 
bracht; im Norden ging die Republik in der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts zurück; um 1720 war ihr Verfall ent⸗ 
schieden, und schon vor dem politischen Sturz sah man die 
soziale Zersetzung: eine Geldaristokratie ohne Traditionen, ohne 
nationalen Zug und soziales Gewissen stieg empor und unter⸗ 
warf, was noch von Kunst vorhanden war, ihrem Bedürfnis!. 
Damit siegte der Salonton und, wenn es hoch kam, der 
kennerhafte Eklektizismus. Der Salonton brachte dem Sitten⸗ 
bild noch eine kurze Todesblüte. Es ging nun ganz in Fein⸗ 
malerei auf; schon Dou hat an einem Besenstiel wie ein Finger 
lang viele Tage gemalt; andere trieben es später noch pedan⸗ 
tisch-gewissenhafter. So kamen die geleckten kleinen Bildchen, 
die nach Porzellanmalerei aussehen, auf, und in ihnen saßen, 
gingen, ruhten kleine Persönchen in Sammet und Seide, schön 
und sauber gemalt von Spezialisten in Küchenszenen und in 
Salonszenen, in Bauernszenen und in Kuppelszenen und in was 
sonst, sagten aber im Grunde niemandem etwas, sollten auch 
nichts sagen, denn ihr Zweck war Dekoration der Wände. 
Jener Eklektizismus aber, der es gut meinte, wirkte am 
1 S. dazu oben S. 68 ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.