Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

26 Siebzehntes Buch. Erstes Kapitel. 
Der Askese und Weltflucht, dem Wundersinn und Offen— 
harungsglauben setzte er die Mächte der Natur und der Ver⸗ 
nunft entgegen: eine freiere Erkenntnis der Welt verlangte 
er, während das kirchliche Dogma noch immer ein enges und 
notwendiges Verhältnis zwis chen Religion und Welterkennen an⸗ 
nahm. Unvermeidlich war unter diesen Umständen, daß aus dem 
Aufeinanderstoßen so verschiedener Weltanschauungen, blieben sie 
gleich kräftig in ursprünglicher Reinheit nebeneinander wirksam, 
im Falle voller Gesundheit des geistigen Lebens, in dem sie sich 
abspielten, eine außerordentliche Befreiung des Geistes hervor⸗ 
gehen mußte. Und etwas hiervon trat tatsächlich ein. Un⸗ 
hbewußt zunächst gewann man einen gewissen Abstand gegenüber 
allem Vergangenen und begann sich auf sich selbst, auf die an— 
scheinend zeitlosen Fähigkeiten des Menschen zu stellen, bis die 
menschlich⸗natürliche Erkenntnisfunktion als einziges Orien⸗ 
tierungsmittel zu gelten begann, um sich in der nun so viel 
reicher und größer gewordenen Welt würdig zurechtzufinden: 
jene Funktion, die nach einer zuerst bei Aristoteles klar hervor⸗ 
retenden Beobachtung in der rationalen Ordnung der Dinge 
das Erste, für unsere Beachtung und Beobachtung aber das 
Letzte ist. 
Ehe indes im vollentwickelten Rationalismus das Zeitalter 
reinster Anwendung allein der Erkenntnisfunktion eingetreten 
zu sein schien, mußte eine große Anzahl vorbereitender Stufen 
durchlaufen werden, und in ihnen erwiesen sich die Mächte, 
welche den geschichtlichen Horizont hauptsächlich mit herstellen 
halfen, Humanismus und Christentum, indem sie die An— 
schauungen der Vergangenheit wieder als Autorität geltend 
machten, doch zugleich auch als bindend, so daß ein Fortschritt 
die Folge war, der sich nur langsam im Strudel vielfach wider⸗ 
prechender Bewegungen vollzog. 
Man hätte wohl glauben können, daß ein Denken, das in 
die ungemein verschiedenartigen Geistesströmungen des Alter⸗ 
tums unvoreingenommen eintauchte, anscheinend rasch zu ver⸗ 
aünftiger Voraussetzungslosigkeit in der Betrachtung der Gegen— 
vart hätte führen müssen. Allein diese Folge trat doch nicht ein,
	        
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