Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum is. Jahrhundert. 45 
Ph. Nicolai von Grund seines Herzens bekannte, von den 
Reformierten werde statt des lebendigen Gottes der leidige 
Teufel gelehrt und angerufen. Und in der Tat waren um 
diese Zeit der Calvinismus da, wo er voll durchgedrungen 
war, und das Luthertum in den Augen der Zeitgenossen viel⸗ 
fach größere Gegensätze als Luthertum und Katholizismus. 
Calvin hatte, wie schon Zwingli, keine eigentliche Dogmatik 
entwickelt, und noch viel weniger hatte seine Kirche einen im 
Sinne des Luthertums sakramentalen Charakter angenommen. 
Das System der Lehre war, wenn auch schließlich deduktiv ge— 
faßt, doch den Schriften des Alten und des Neuen Testamentes 
im Sinne einer mehr nur induktiven biblischen Theologie ent⸗ 
nommen; und es hatte sich nicht freien wissenschaftlichen Be⸗ 
ttrebungen als etwas schlechthin Abgeschlossenes unmittelbar 
entgegengestellt. Im Gegenteil ließ es, vom Humanismus stark 
beeinflußt, diesen Bestrebungen freies Feld, ja, regte recht 
eigentlich die freiesten und größesten philosophischen Probleme 
an: von Zwingli kennt man fast pantheistische Sätze, und von 
Calvin stammt das Wort pio sensu naturam posse dici Deum; 
wie gewaltig ferner der Calvinismus auf die Spekulationen 
uüͤber die menschliche Willensfreiheit eingewirkt hat, ist bekannt 
genug. 
Man versteht unter diesen Umständen, was es hieß, wenn 
für die nördlichen Niederlande seit 1672 der Calvinismus zum 
geistigen Lebensoddem wurde: es war ein Vorzug vor dem 
inneren Deutschland, eine Befreiung des Geistes von größter 
Bedeutung. Und sie ward getragen von den sittlich ins Un— 
gemessene erhebenden Kämpfen gegen Spanien, der materiell 
unerhört bereichernden Eroberung ferner Welten! Das er—⸗ 
staunte Zeitalter sah hier auf einmal eine Gesellschaft von 
Staatsmännern erwachsen, die zugleich Kaufleute und philo— 
sophisch gerichtete Theologen waren; eine unerhörte Kombination 
geistiger Kräfte trat ein. 
Konnte sie sich aber dem ganzen Volke mitteilen? Sie 
blieb im wesentlichen Eigentum der Vroedschappen. Und so 
entwickelte sich in ihnen, der Zahl der Köpfe nach ziemlich eng
	        
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