Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Wandlung des Seelenlebens vom 16. zum 18. Jahrhundert. 63 
wickelten Naturalwirtschaft das soziale Ferment persönlichen 
Dienstes erhalten: neben den Grundholden standen die Kategorien 
des Hof- und Kriegsdienstes auf Grund von Bodenleihe; und 
erst recht spielte in ihm noch der Unterschied des wirtschaft— 
lichen Berufes eine Rolle, wie er sich in den primitiv geld⸗ 
wirtschaftlichen Zeiten des späteren Mittelalters entwickelt hatte: 
die soziale Welt schien den Menschen auch noch des 16. Jahr— 
hunderts vor allem in Bauern, Bürger und Ritter zu zerfallen. 
Indem nun alle diese wichtigsten Bildungsfermente neben 
anderen, weniger bedeutenden die soziale Welt des 16. Jahr⸗ 
hunderts in einem bunten Durcheinander von Kombinationen 
erfüllten, ist es schwer, zu einer einfachen Übersicht der sozialen 
Lage zu gelangen. Dennoch läßt sich eine einfache Unter— 
scheidung machen. Es gab gebundene Stände, deren Struktur 
der Hauptsache nach dem Mittelalter angehörte, und es gab 
freie Stände, die mehr der Gegenwart angehörten und der 
Zukunft zuführten. Sozial gebunden waren vornehmlich die 
Stände des platten Landes, am meisten die Bauern, weniger 
der Adel, am wenigsten die Fürsten; sozial freier standen die 
städtischen Stände da, am wenigsten die unteren Kreise, am 
meisten die kaufmännische Aristokratie. Dem entsprach es, 
wenn auf Grund des Aufschwungs der Städte im späteren 
Mittelalter und noch bis zur Mitte etwa des 16. Jahrhunderts 
der Gesamtcharakter der binnendeutschen Kultur bis weit ins 
17. Jahrhundert hinein ein bürgerlicher blieb. 
Indem so das Bürgertum einer ersten geldwirtschaftlichen 
Periode die Führung der Nation übernommen hatte, wurden 
auf längere Zeit hin dessen Mittel und Ideale für Neu— 
bildungen auf sozialem Gebiete von besonderer Wichtigkeit. 
Und da waren denn die Mittel kapitalistischen Charakters, und 
die Ideale wiesen je länger je mehr auf die Durchbildung einer 
Kultur der Wissenschaften und des Verstandes. Die Abhängig⸗ 
keit der Berufswahl von den Geldmitteln der Familie und des 
Vaters trat in dieser Zeit ungleich mehr hervor als je vorher, 
trotz aller sozialen Fürsorge für unbemittelte Begabte; so hören 
wir z. B. im Jahre 1653, manche Bürger möchten ihre Söhne
	        
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