Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

Weitere Entwicklung des Intellektualismus. 81 
Gegensatz zwischen Induktion und Deduktion zunächst nur 
genau in derselben Weise wirksam wie für die Naturwissen⸗ 
schaften und auch die Mathematik, deren deduktive Methode im 
Laufe des 17. Jahrhunderts zur halb induktionsmäßigen, 
genetisch verfahrenden höheren Analysis umgebildet worden 
war!: sie wurde ihrer Materie selbst nach gleichsam unbewußt 
und objektiv aus den treibenden seelischen Kräften des Zeit— 
alters heraus von der induktiven Methode ergriffen. Es ge— 
schah, indem rein empirische Untersuchungen über den mensch— 
lichen Verstand aufgenommen wurden, indem mithin neben die 
Metaphysik selbständig die zunächst noch unter sich eng ver— 
quickten Anfänge der modernen Psychologie und Erkenntnis— 
theorie traten; und die Heimat dieser ersten Versuche war 
England. 
Wie glücklich hat sich nicht England gegenüber Deutsch-— 
land vom 16. Jahrhundert ab entwickelt! Wirtschaftlich schritt 
es, durch die Gunst der Weltlage sogar noch mehr gehoben als 
Holland, von Geschlecht zu Geschlecht fort bis zu einem Reich— 
tum der Gegenwart, der seine Söhne gleichwohl nicht ver— 
weichlicht, da die Grundbedingungen des Daseins im harten 
Kampfe mit fremden Weltteilen täglich neu errungen und ge— 
sichert werden müssen. Geistig pflückte es all die Früchte der 
Reformation, die der mittlerweile entwicklungsgeschichtlich so 
zurückgebliebenen Heimat eines Luther zu genießen nicht ver⸗ 
gönnt war. Denn aus den zunehmend günstigeren materiellen 
Verhältnissen erhob sich eine Freiheit des Denkens, die sich schon 
seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zur voraussetzungslosen 
Betrachtung der Welt aufschwang, indem sie den Glauben, die 
religiöse Uberzeugung der besonderen, Beweisen unzugänglichen 
Domäne des Gemütes zuzuweisen begann. Und als dann mit 
dem 17. Jahrhundert das Zeitalter der großen Revolution über 
das Land hingefahren war, um allem stillen Denken zeitweis 
ein Ziel zu setzen: da war doch als sein wertvollster Nieder⸗ 
schlag eine gesellschaftliche Ordnung der Dinge geblieben, welche 
1S. Bd. VI, S. 187 ff. 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. VII. 1.
	        
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