38
Veunzehntes Buch. Drittes Kapitel.
daß bei aller Anerkennung der Wichtigkeit des deduktiven Ele—
mentes im einzelnen dessen Gesamtergebnisse von da ab, wo
die Möglichkeit induktiven Schlusses aufzuhören begann, unter
die Direktive und den Schutz gleichsam einer höheren rationalen
Deduktion genommen wurden? Es war eine Integration
gleichsam der bisher entwickelten, noch in teilweis unklaren,
weil unbewußten Gegensätzen zueinander stehenden Zeitformen
des Denkens und seines Gehaltes; und es mußte zugleich, da
diese Gegensätze schon zu der höchsten innerhalb des Individua⸗
lismus denkbaren Entwicklung gelangt waren, der Abschluß der
individualistischen Metaphysik überhaupt sein.
Dem binnenländischen Deutschland war es vorbehalten,
den Denker hervorzubringen, der dieser Integration, soweit sie
möglich war, Herr wurde.
Das innere Deutschland hatte an der Entwicklung der
erkenntnistheoretischen Forschungen bisher so gut wie gar nicht
und an der praktischen Förderung der Denkmethoden wenig teil⸗
genommen. Gewiß hatte es philosophische Köpfe erzeugt, wie
Johann Christoph Sturm (16335— 1798) oder Friedrich Wil⸗
helm Stosch („Concordia rationis et fidei“, 1692) oder Pan⸗
kratius Wolff („Cogitationes medico-legales“, 1697). Aber
bei dem allgemeinen Tiefstande des Geisteslebens ihrer Um⸗
gebung war es begreiflich gewesen, daß diese sich selten rein
erkenntnistheoretischen Fragen oder auch nur größeren wissen⸗
schaftlichen Problemen zuwandten; es hatte genügen müssen,
wenn sie nur das Verständnis, gelegentlich auch den Weiter⸗
bau oder die Kritik der großen metaphysischen Systeme des
Westens zu förden suchten. Unter diesen Umständen begreift
es sich denn auch, daß ihr Einfluß gering war: im ganzen lebte
man im inneren Deutschland aphilosophisch und den allgemeinen
spiritualistischen Voraussetzungen der christlichen Lehre getreu
dahin.
Aber grade diese Kombination ergab eine passende Umwelt
für den Philosophen einer Synthese der mechanisch⸗empirischen
und rational⸗spiritualistischen Weltanschauungselemente der Zeit