Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Geistige Kultur der Stauferzeit. 
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Menschen der Provence wagte er es, seiner glatten Lebens⸗ 
anschauung bis zum Leichtfertigen, seiner Sinnlichkeit bis zum 
Schlüpfrigen, seiner Freigeistigkeit bis zum Spott gegen Kirche 
und Klerus die Zügel schießen zu lassen: und so ward er 
schließlich jedes Ideales bar bis zur Verhöhnung auch des 
Rittertums selber. 
Unmittelbar der Größe der formalen Veranlagung nach 
neben Gottfried steht Wolfram von Eschenbach. Auch er war 
ein Subjektivist der Form; in noch vollendeterer Willkür und 
noch strengerer Herrschaft, als Gottfried, hat er sich Dichtung 
und Sprache unterzwungen. Aber er that es zur Erzielung 
nicht des Sinnfälligen, sondern des Bedeutenden: seine Worte 
fallen wuchtig, schwer, gedrungen, und aufs engste verschweißen 
sie die Fülle der Gedanken. In deutschem Sinne ist hier die 
Sprache gemeistert als ein starkknochiges Roß: in deutschem 
Sinne hat sich der alternde Wolfram auch den Vers geschaffen: 
der Titurel zeigt statt der höfischen Reimpaare eine vierzeilige 
Strophe, die an die Formen des nationalen Heldensanges er⸗ 
nnert. Das sind jene formalen Seiten der Wolframschen Dich— 
tung, die Zeitgenossen wie spätere Dichter immer wieder an⸗ 
zezogen haben; darum hat man seiner in Deutschland gedacht 
Ils Lines der Größesten unter den Großen selbst dann noch, 
als man ihn nicht mehr verstand. 
Als Persönlichkeit aber hat sich Wolfram zu Anschauungen 
durchgerungen, die dem frivolen Subjektivismus Gottfrieds 
schneidend entgegentreten. Wissen wir von Gottfrieds Leben 
fast nichts, so gestattet seine Dichtung doch den Schluß, daß er, 
seinem Tristan gleich, in aller Feinheit des ritterlichen Lebens 
vohl erzogen, von allen Vorteilen höherer Bildung umgeben 
erwachsen ist. Wolframs Wiege stand in der kärglichen Burg 
eines bairischen Rittergeschlechts, fern dem großen Verkehrsleben 
der Zeit; er war wohl ein nachgeborener Sohn, war arm jeden⸗ 
falls an Land und Leuten, arm auch an äußeren Mitteln der 
Bildung — vielleicht hat er nicht einmal lesen und schreiben 
gelernt. Ein Fahrender Zeit seines Lebens, der wohl nur im
	        
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